Tokio. Jahrhunderte alte Meisterwerke, die einst über das Meer nach London reisten, sind zurück in Japan – und die Kaiserfamilie kam höchstpersönlich, um sie zu begrüßen.
Am 6. Oktober besuchten Kaiser Naruhito, Kaiserin Masako und ihre Tochter Prinzessin Aiko das Tokyo Metropolitan Art Museum. Anlass war die Ausstellung „Hyakka Ryouran: Edo Paintings That Crossed the Sea“ – eine Schau mit japanischen Gemälden aus der berühmten Kunstsammlung des British Museum in London.
Das Foto des Tages zeigt die drei Mitglieder der Kaiserfamilie vor prächtigen Goldschirmwänden. Auf den mit Goldgrund bemalten Paravents glänzen Vögel, Blumen und Landschaften in Mineralfarben – ein Kurator erklärt gerade die Kunstwerke, die Kaiserfamilie hört aufmerksam zu.
Der Titel „Hyakka Ryouran“ steht im Japanischen dafür, dass Blumen in Fülle aufblühen. Und genau das erlebte die japanische Kunst in der Edo-Zeit, vom 17. bis zum 19. Jahrhundert: eine Blüte von atemberaubender Schönheit und technischer Meisterschaft.
Die Japan-Sammlung des British Museum gehört zu den besten japanischen Kunstbeständen außerhalb Japans. Über zwei Jahrhunderte aufgebaut, hat sie unzähligen Besuchern in London die Schönheit japanischer Kunst nähergebracht. Dass diese Werke nun – wenn auch nur vorübergehend – in Tokio gezeigt werden, ist ein Akt der Freundschaft zwischen zwei Inselstaaten mit tiefen künstlerischen Traditionen.
Die Goldschirme auf dem Foto sind typisch für die Schätze der Ausstellung. Mit Mineralpigmenten auf Blattgold gemalt, leuchten sie wie von innen heraus. Sie waren Luxusobjekte ihrer Zeit, geschaffen für Burgen und Tempel – und sie versetzen noch heute in Staunen.
In der Edo-Zeit brachten japanische Maler Werke hervor, die zu den größten Leistungen der Kunstgeschichte zählen. Viele dieser Arbeiten gelangten im Lauf der Jahrhunderte nach Europa, wo sie europäische Künstler beeinflussten und Sammler begeisterten. Vor der Kaiserfamilie in Tokio schließt sich nun ein Kreis, der begann, als diese Gemälde einst über das Meer gingen.
Der Besuch setzt eine lange Tradition kulturellen Engagements der Kaiserfamilie fort. Kaiser Naruhito und Kaiserin Masako sind für ihr tiefes Interesse an Kunst und Wissenschaft bekannt – und Prinzessin Aiko begleitet ihre Eltern immer häufiger zu kulturellen Anlässen. So wächst die nächste Generation sichtbar in ihre Aufgabe hinein.
Auftritte wie dieser sind stille Diplomatie: ohne Reden und ohne Erklärungen sagen sie, dass Schönheit zählt, dass Geschichte verbindet und dass die Beziehung zwischen Japan und Großbritannien auf mehr ruht als auf Handel und Verträgen.
Als die Kaiserfamilie durch die Säle schritt, stellte sie sich in eine Reihe von Betrachtern, die vier Jahrhunderte zurückreicht – und bewies: Kunst kennt keine Grenzen, sie gehört niemandem allein.
Foto: @kunaicho_jp