25 Jahre Muffatwerk – cience & Art Festival – Hofesh Shechter Company, „Grand Finale“ – Robyn Orlin & Albert Khoza

25 Jahre Muffatwerk – cience & Art Festival – Hofesh Shechter Company, „Grand Finale“ – Robyn Orlin & Albert Khoza

Zur Halbzeit des großen Muffatfestspiels und wenige Tage vor dem Start des {un][split} Science & Art Festivals möchten wir Sie Daheimgebliebene und Zurückgekehrte noch einmal herzlich zum Jubiläum „25 Jahre Muffatwerk“ einladen. Momentan arbeitet das Team fieberhaft an den letzten Vorbereitungen fürs Bergfest. Denn in der ersten Septemberhälfte kulminiert das Geburtstagsprogramm in drei Veranstaltungen, die beispielhaft die Muffatwerk-typische Mischung aus Avantgarde und genreübergreifender Top-Kunst repräsentieren:

das {un][split} Science & Art Festival, dieHofesh Shechter Company mit dem meisterhaften Grand Finale und Robyn Orlins Solo And so you see… für das wandelnde Tanz- und Theaterwunder Albert Khoza.

Ein Festival mit solchen Akteuren hat es mutmaßlich in Deutschland noch nie gegeben. Bühne frei für menschliche Performer, Insekten, Bakterien, Mikroben und jede Menge DNA! Biotechnologie, Philosophie, Ökologie und brandaktuelle digitale Innovationen machen Schluss mit dem Anthropozentrismus und schaffen Neues: tanzende Mehlwürmer gegen die Mikroplastik-Pest, Eukalyptus-Moleküle auf globalem Eroberungszug, Biobricks als lebende Währung und Spekulationsobjekt, Gensequenzen als nationale Identität, der Groove von Ameisen, Photonen, Blasen und exo-planetarische Phänomene, Organismen als Schlachtfeld digitaler Steuerung und soziale Verantwortung jenseits von Game- und Spaßkultur. Eine Feier des Hybriden, inspiriert von einer zentralen Erkenntnis: Der Mensch ist nicht das Maß aller Dinge!

Stelarc (Australien): Re-Wired / Re-Mixed
Wer bin ich und wie viele? In der Body Installation Re-Wired / Re-Mixed inszeniert und erlebt Stelarc eine fremde, fragmentierte und desynchronisierte Wirklichkeit am eigenen Leib. Eine VR-Brille und geräuschunterdrückende Kopfhörer schotten ihn von seiner realen Umgebung ab, so dass er nur die Eindrücke empfängt, die ihm aus London (visuell) und New York (audio) zugespielt werden. Sein rechter Arm ist in ein Robotergestell geschnallt und kann online, via Interface, extern gesteuert werden. Eine ästhetische und physiologische Versuchsanordnung über die Konstruktion des Ich in der Interaktion.

Paul Vanouse (USA): The America Project
Das Thema dieser biologischen Installation ist der sogenannte genetische Fingerabdruck. Paul Vanouse sammelt und mischt Speichelproben des Publikums, die er in einer Live-Video-Projektion visualisiert. Statt des einen, unverwechselbaren Fingerabdrucks entstehen symbolische Abbilder einer geteilten, ständig im Fluss befindlichen Identität. Hier manifestiert sich die Macht der 99 %. Eine Rückkehr zur alten Utopie von Amerika als Schmelztiegel der Kulturen und eine Kampfansage an das derzeit so populäre Ideal einer eindimensionalen, nationalistisch geprägten USA.

Klaus Spiess & Lucie Strecker (Österreich / Deutschland): Hare’s Blood ++
Aus dem Multiple Hasenblut von Joseph Beuys extrahierten Klaus Spiess und Lucie Strecker vor vier Jahren ein Gen, das Organismen vor Alterung schützt. Kloniert in lebenden Mikroben, ist dieser Hasen-Hybrid seitdem in flüssigem Stickstoff gelagert – und wächst in seinem Bioreaktor ständig weiter. Auf den Spuren von Beuys wandelt das an der Schnittstelle von Kunst und Biotechnologie operierende Duo aber auch in der direkten Aktion vor Ort: eine Versteigerung, bei der die Bieter in der Muffathalle Teil eines gemeinschaftlichen Rituals werden, in dem sich Tier, Mikroben und Mensch organisch verbinden.

Yann Marussich (Schweiz): Portrait in an Anthill & Traversée
Der Body Artist und Extremkünstler ist mit gleich zwei Performances im Programm. In Traversée liegt er nackt und mit einem Strang um den Hals auf einer 13 Meter langen Matte. Jeder Besucher kann nach Belieben an der mit dem Strang verbundenen Seilwinde drehen, so dass eine sado-masochistische Interaktion aus Publikum und Performer entsteht. Auch Portrait in an Anthill ist eine Begegnung mit dem Tod – und macht den Zuschauer erneut zum Komplizen einer makabren Versuchsanordnung. Zu vollkommener Bewegungslosigkeit verdammt, teilt sich der nackte Marussich einen engen Glaskasten mit einem Ameisenhaufen. Fünf ganze Stunden lang. Kopfhörer und Screens sorgen für detailliert-voyeuristische Eindrücke live aus dem Alptraum-Szenario.

Aniara Rodado (Kolumbien / Frankreich): Transmutation de Base
Die Choreographin Aniara Rodado und der Physiker Jean-Marc Chomaz laden ein in eine alchemistische Hexenküche. Ihr Ziel: die Interaktion von Mensch und Pflanze. Ihr Transformator: eine Anlage zum Destillieren von Eukalyptusblättern. Gerüche, die geheimsnisvolle Optik der verkabelten, im Dunkeln leuchtenden Behälter und das akustisch verstärkte Brodeln des Destillationsprozesses ergänzen sich zu einer Erfahrung für alle Sinne.

Tina Tarpgaard (Dänemark): MASS – bloom explorations
Zwischen Gewächshaus und Mausoleum bewegt sich die Installation der dänischen Choreographin Tina Tarpgaard. Während tausende Mehlwürmer die sie umgebende durchsichtige Kuppel langsam fressen und in Kompost verwandeln, begleitet eine Tänzerin sieben Stunden täglich den Zersetzungsprozess. Am Schluss ist das Plastikuniversum zu Erde zerfallen. Die Klänge der fressenden Würmer und ein eingespielter Originaltext von Ida Marie Hede erzeugen die Soundkulisse der Performance, die im Vergehen schon das Neue heraufbeschwört.

Kuai Shen feat. Auriel (Deutschland / Ecuador): Plectrum: viral vibrations and electric ants
Der Insektenversteher: Seine Faszination mit dem Sozialverhalten und der Intelligenz von Ameisen und anderen Insekten setzt Kuai Shen in spektakuläre Bio-Kunst-Installationen um. Sein aktuelles Projekt lässt Mensch und Ameise einmal mehr auf Augenhöhe agieren, denn: Auch Blattschneiderameisen besitzen ein Plektrum! Die durch Reibung erzeugten Töne setzen sie zur Kommunikation mit Artgenossen ein. Kuai Shen und der E-Gitarrist Auriel interagieren mit den verstärkten akustischen Signale aus einer Ameisenkolonie. In Kombination mit den Bildern aus dem Terrarium entsteht eine einzigartige audiovisuelle Perfomance.

Dmitry Gelfand & Evelina Domnitch (USA / Russland-Weißrussland): 10000 Peacock Feathers in Foaming Acid & Force Field
Das Künstlerpaar ist bekannt für seine immersiven, sinnlich fassbaren Installationen, die Physik, Chemie und Philosophie auf aufregende Weise zusammenführen. In München zeigen sie gleich zwei Arbeiten: Wie ein Sonnensystem im Kleinen bringt Force Field Wassertropfen durch akustische Impulse dazu, zu schweben, zu klingen und sich ständig neu zu formieren. In 10000 Peacock Feathers in Foaming Acid bestrahlen sie die Oberfläche von Seifenblasen mit Laserlicht. Das Ergebnis sind faszinierende großflächige Projektionen molekularer Interaktionen und nichtlinearer Optik. Die Arbeit wird in Sphæræ gezeigt, einem mehrkuppeligen Performance-Pavillon von Cocky Eek.

Julia Borovaya (Russland): Crystal
Crystal folgt einer Erkenntnis der großen Marina Abramovic: „Nur die physische Erfahrung kann die Menschen spirituell weiterbringen. Kein Buch schafft das.“ Entsprechend lässt die Versuchsanordnung von Julia Borovaya ihren eigenen Körper und eine chemische Substanz in Kontakt treten und dabei mehrere Aggregatzustände durchlaufen. Die Performance-Künstlerin interagiert in einem Aquarium mit Dämpfen, die aus der Nebelphase der Substanz stammen. Polykristalle und Dendrite kristallisieren sich auf ihrem Körper, bis sie im dritten Schritt durch Verdampfung wieder verschwinden.

Katrin Petroschkat & Susanne Schmitt (Deutschland): BarFly // Drinks for Insects
Im Englischen meint barfly sowohl die nervige Fliege, die über dem Tresen schwebt, als auch den Kneipenhocker, auf dessen Drink sie sich von Zeit zu Zeit niederlässt. Die Künstlerin und Performerin Katrin Petroschkat und die Anthropologin und Künstlerin Susanne Schmitt haben diesen Ausdruck wörtlich genommen und eine Bar für Insekten entworfen. Konsumieren kann man folgerichtig keine Getränke, sondern destillierte Pflanzen- und Blumendüfte, die in unterschiedlichster Weise aufbereitet sind. Eine olfaktorische Oase und ein Memento Mori in Zeiten des großen Insektensterbens. Kredenzt werden Bouquets wie Toxic Refuse, Neolithic Nightcap und Indian Spring. Wird die barfly das letzte Insekt an der Theke sein?

photo@presse. Muffatwerk

un][split}-Panel mit Monika Bakke, Chris Salter und Jens Hauser
Sonntag, 2. September 2018 um 11:00 Uhr

Wer mehr über das Konzept, die Künstler und ihre „Materien“ erfahren möchte, sollte sich das Panel am Abschlusstag von {un][split} nicht entgehen lassen. Auf dem Podium:

Monika Bakke ist Associate Professor an der philosophischen Fakultät der Adam Mickiewicz Universität in Poznań, Polen. Ihr Spezialgebiet ist die zeitgenössische Kunst, vor allem mit Blick auf posthumane, artenübergreifende und Gender-ästhetische Perspektiven. Sie ist die Verfasserin von Bio-transfigurations: Art and Aesthetics of Posthumanism (2010) und Open Body (2000), Co- Autorin von Pleroma: Art in Search of Fullness (1998) sowie Redakteurin von Australian Aboriginal Aesthetics (2004), Going Aerial: Air, Art, Architecture (2006) und The Life of Air: Dwelling, Communicating, Manipulating (2011).

Chris Salter ist Künstler und Dozent für New Media, Technology and the Senses an der Concordia University und Co-Direktor des Hexagram Network for Research-Creation in Media Arts, Design, Technology and Digital Culture in Montreal. Salter hat seine Performances, Installationen und Forschungsarbeiten bei zahlreichen Festivals, Ausstellungen und Konferenzen auf der ganzen Welt präsentiert. Er ist der Verfasser von Entangled: Technology and the Transformation of Performance (MIT Press, 2010) und Alien Agency: Experimental Encounters with Art in the Making (MIT Press, 2015).

Jens Hauser lebt und arbeitet als Kurator, Autor und Medienwissenschaftler in Kopenhagen und Paris. Seit seinem Studium der Medienwissenschaften und der Wissenschaftspublizistik beschäftigt er sich mit Interaktionen zwischen Kunst und Technologie. Seit 2014 bekleidet der Kurator von {un][split} eine Forschungsstelle am Institut für Kunst- und Kulturwissenschaft der Københavns Universitet sowie am Medical Museion der gesundheitswissenschaftlichen Fakultät. Hauser ist außerdem als Distinguished Affiliated Faculty Member am Department of Art, Art History and Design an der Michigan State University sowie als Gastdozent an Universitäten und Kunstakademien tätig. Er hat unter anderem folgende Ausstellungen kuratiert: L’Art Biotech (Nantes, 2003), Still, Living (Perth, 2007), sk-interfaces (Liverpool, 2008/Luxemburg, 2009) sowie die Article Biennale (Stavanger, 2008), Transbiotics (Riga, 2010), Synth-ethic (Wien, 2011) Fingerprints… (Berlin, 2011/München, 2012), assemble | standard | minimal (Berlin, 2015) und SO3 (Belfort).

Donnerstag, 6. September 2018 & Freitag, 7. September 2018 – jeweils um 20:00 Uhr
Hofesh Shechter Company
Grand Finale
Choreographie & Musik: HOFESH SHECHTER
Tanz: Hofesh Shechter Company

Künstlerisches Team
Choreographie & Musik: Hofesh Shechter
Bühnenbild & Kostüme: Tom Scutt
Licht: Tom Visser
Mitarbeit Musik: Nell Catchpole und Yaron Engler
Stellvertretender Künstlerischer Leiter: Bruno Guillore
Assistenz Bühnenbild & Kostüme: Rosie Elnile

Darsteller
Tänzer: Chien-Ming Chang, Frédéric Despierre (Rehearsal Assistant), Rachel Fallon, Mickaël Frappat, Yeji Kim, Kim Kohlmann, Erion Kruja, Attila Ronai, Hannah Shepherd
Musiker: N.N.

Musik
Originalmusik: Hofesh Shechter
Mitarbeit Musik: Nell Catchpole und Yaron Engler
Einspielung Schlagzeug: Hofesh Shechter mit Yaron Engler
Transkription der Komposition: Christopher Allan

photo@presse. Muffatwerk

Wer ist der aktuell aufregendste zeitgenössische Choreograph? Bei einer Blitzumfrage unter internationalen Veranstaltern fiele die Antwort wohl eindeutig aus: Hofesh Shechter! In nur wenigen Jahren hat der ehemalige Batsheva-Tänzer, ausgebildete Schlagzeuger und bis heute Komponist in eigener Sache eine Karriere hingelegt, die man nur als schwindelerregend bezeichnen kann. Seine dunklen, rohen, rhythmisch pulsierenden Tanzwelten bersten geradezu vor Originalität und politischer Relevanz. Grand Finale, das seit seiner Uraufführung im vergangenen Sommer als weiterer Meilenstein in Shechters Werk gehandelt wird, macht da keine Ausnahme. Schließlich bietet es mit seiner rätselhaften, zwischen verzweifelt und komisch changierenden Endzeitvision wahrhaft ein Stück für unsere Zeit, die geprägt ist von Unsicherheit und Untergangsängsten.

Grand Finale handelt von nichts weniger als dem Ende der Geschichte, so wie wir sie kennen. Und so jagt der 43-Jährige seine fulminanten Tänzerinnen und Tänzer durch eine schwarze Bühnenlandschaft, hetzt sie gegeneinander auf, türmt sie zu Leichenhaufen – und schafft trotz allem immer wieder Momente der Innigkeit, Zärtlichkeit und puren Liebe. Seine unverwechselbare Londoner Kompanie folgt ihm mit schlafwandlerischer Sicherheit in die Abgründe. Die schlaksigen, biegsamen Bewegungen steigern den Eindruck des Elementaren, des unmittelbar Physischen. Organisch formen sich die Tänzer zu perfekt synchronen, wie zombiehaft ferngesteuerten Menschenmassen, um im Handumdrehen wieder in Individuen, Paare und kleine Gruppen zu zerfallen. Sie stampfen, hüpfen, schleudern ihre Partner wie Puppen umher, bis zur schieren Erschöpfung. Live begleitet wird der Totentanz von einer Gruppe von Musikern, die das Geschehen – quasi wie das Salonorchester auf der Titanic – von Anfang bis Ende spiegeln. Unversehens tauchen sie mal hier, mal dort auf und sorgen mit Musik von Tschaikowsky bis zu dem legendären Walzer Lippen schweigen aus Franz Lehárs Lustiger Witwe für den sarkastisch-melancholischen Kommentar zu Shechters großer Menschheitsdämmerung. Ein Urknall aus Tanz und Musik, der auf künstlerisch eindrücklichste Weise einlöst, was der Titel verspricht.

„Shechter ist ein unbarmherziger Beobachter dieser Gegenwart. Vor allem aber ringt er selbst apokalyptischen Szenarien eine Kunst ab, die den Betrachter mit Schönheit fesselt und ihm zugleich Schockwellen der Erkenntnis durchs Gehirn jagt.“
Süddeutsche Zeitung

„Das ist die große Kunst des Hofesh Shechter: Stets die perfekte Balance zu halten zwischen Pathos und Dezenz, Gefühlsappell und Nüchternheit. Das jüngste Stück des in London lebenden und arbeitenden israelischen Choreografen heißt Grand Finale … – und es ist grandios.“
Frankfurter Rundschau

„Schnappschussartig, in ein paar leisen Endzeitbildern fasst das Finale von Grand Finale all die wiederkehrenden Motive des Stücks noch einmal auf kleinstem Raum wie in einem lichtlosen Bunker zusammen. Das Knien vor der Wand, die Leichen, ein Kuss: Wir hätten es die ganze Zeit wissen müssen, hätten die Zeichen erkennen müssen. Die betroffene Stille vor der Standing Ovation war lang.“
Esslinger Zeitung

Auftraggeber
Produziert von Hofesh Shechter Company im Auftrag von Georgia Rosengarten.
Weitere Auftraggeber: Sadler’s Wells, Théâtre de la Ville-Paris / La Villette-Paris und Brighton Dome and Festival. Co-Auftraggeber COLOURS International Dance Festival Stuttgart, Les Théâtres de la Ville de Luxembourg, Romaeuropa Festival, Theatre Royal Plymouth und Marche Teatro / Inteatro Festival zusammen mit Danse Danse Montréal, HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste Dresden in Kooperation mit den Dresdner Musikfestspielen, Dansens Hus Oslo, Athens und Epidaurus Festival, HOME Manchester und Scène Nationale d’Albi.
Grand Finale wird großzügig unterstützt von der International Music and Arts Foundation.

Dienstag, 11. September 2018 & Mittwoch, 12. September 2018 – jeweils um 20:00 Uhr
Robyn Orlin & Albert Khoza
And so you see… our honourable blue sky and ever enduring sun… can only be consumed slice by slice…
Konzept und Regie: Robyn Orlin
Performance: Albert Silindokuhle IBOKWE Khoza

Kostüme: Marianne Fassler, Licht: Laïs Foulc
Bühnenmanager: Thabo Pule
Verwaltung und Produktion: Damien Valette
Assistenz und Koordination: Marion Paul

Produktion: City Theater & Dance Group, Damien Valette Prod
Dank an Philippe Lainé für das Bildmaterial und an das Team von Léopard Frock
Koproduktion:
City Theater & Dance Group, Festival Montpellier Danse 2016, Festival d’Automne à Paris, Kinneksbond, Centre Culturel Mamer, Luxembourg, Centre Dramatique National de Haute-Normandie, la Ferme du Buisson, Scène Nationale de Marne-la-Vallée.
Mit Unterstützung von Arcadi Ile-de-France

Den Finger in die Wunde legen: Robyn Orlin (*1955 in Johannesburg) hat es sich zum Prinzip gemacht, genau hinzuschauen, eine Gesellschaft mit den eigenen Widersprüchen zu konfrontieren. Was sich zunächst nach einem „normalen“ künstlerischen Konzept anhört, entfaltet sich auf der Bühne derart phänomenal, dass der Choreographin-Regisseurin-Multimedia-Virtuosin ein Ruf wie Donnerhall vorausgeht. Nicht nur in ihrem Heimatland …
Auch der Ausgangspunkt für And so you see… war eine eher unspektakuläre gesellschaftliche Frage: Wo steht Südafrika heute, mehr als 20 Jahre nach dem Ende der Apartheid? Oder besser noch: Wo sollte ein wahrhaft demokratisches, offenes Südafrika heute stehen? Die Antwort darauf ist einmal mehr eine Tour de Force à la Orlin, ein monströses, überwältigendes, jede Erwartungshaltung sprengendes Solo. Der Grund für diese geradezu umwerfende Wirkung hat einen Namen: Albert Khoza. Diesen Darsteller von Gnaden einen erstklassigen Performer zu nennen, kommt einer sträflichen Untertreibung gleich. Khoza ist ein Bühnentier, das mit dem Publikum spielt wie die Katze mit der Maus und die Szene in jeder Sekunde beherrscht wie ein Sonnenkönig. Angelehnt an die traditionelle Ikonographie der sieben Todsünden, untermalt von den wogenden Klängen von Mozarts Requiem, testet Orlins Protagonist die Grenzen seiner Freiheit aus. Anfangs wie eine Mumie in Klarsichtfolie gewickelt, entwickelt sich Khoza im wahrsten Sinne des Wortes im Lauf der Aufführung. Sein mächtiger Körper, seine lustvoll ausgestellte Transgender-Identität, seine Schamlosigkeit, sein Witz und seine Verspieltheit haben etwas ebenso Utopisches wie Verstörendes. Diese Figur ist eine einzige Provokation – und sie genießt es!
Mit And so you see… entwirft Robyn Orlin den Traum von einem neuen, jungen Südafrika. Ein Land und eine Gesellschaft, die es allen Menschen erlaubt, vorgefertigte Rollenzuweisungen hinter sich zu lassen und stattdessen sie selbst zu sein. Wie selbstverständlich nimmt Orlin die Besucher mit auf die Reise. Nicht nur fängt eine Kamera die Reaktionen des Publikums von Anfang bis Ende ein und projiziert sie live auf die Bühne. Albert Khoza befiehlt einzelne Zuschauer auch zu sich hoch, lässt sich von ihnen – in einer schreiend komischen Szene – bedienen und den verschwitzten Körper waschen. Nach gut einer Stunde voller Überraschungen, Denkanstöße und schierem Staunen ist klar: Ja, wir haben gesehen. Und, ja – am Ende haben wir uns, wie es der Titel verspricht, diesen blauen Himmel und die brennende Sonne einverleibt, Stück für köstliches Stück …

25 Jahre Muffatwerk

Im Sommer 1993 wurde die Utopie eines wahrhaft urbanen, enge Spartengrenzen überwindenden Kulturzentrums Muffathalle zur Realität. Im Lauf der Jahre wuchs das Muffat-Team immer mehr mit dem historisch bedeutsamen Areal an der Ludwigsbrücke zusammen und firmiert heute als Muffatwerk. Mit dem Muffatfestspiel vom 21. Juli bis 19. September 2018 möchten die Macherinnen und Macher nicht nur das Jubiläum begehen. Sie möchten vor allem die Künstler aus allen Disziplinen feiern, die sich mit ihren Arbeiten für die Zukunft und eine offene Gesellschaft engagieren.
Das Programm bietet Spannendes, Inspirierendes und Begeisterndes aus allen Künsten. Begegnungen mit Top-Kompanien und -Musikgruppen aus aller Herren Länder ebenso wie mit der internationalen Ultra-Avantgarde beim Science&Art-Festival {un][split}. Wer hier nicht staunt, dem ist nicht mehr zu helfen. Das Muffatwerk verspricht, auch in den nächsten 25 Jahren für viele intensive und zum Nachdenken anregende Kulturerlebnisse abseits der ausgetretenen Pfade zu sorgen.