Travel with Bastian Lee Jones – nachhaltiger Tourismus bei den Sasak auf Lombok

LebenslustTV & ZeitblattTV verkünden mit Stolz, die erste ethnologisch – kulturanthropologische Dokumentation
fertiggestellt zu haben. (siehe auf: https://www.youtube.com/watch?v=3C8C6eSAWF4). Ganz im Sinne des Studiums der Vergleichenden Musikwissenschaften (Musikethnologie würde man heute vielleicht eher sagen), wie das einst an der Freien Universität Berlin beheimatete Studienfach hiess. In der Stadt Berlin, in der diese Wissenschaftsdisziplin einst neben Wien gegründet wurde, und kläglich abgewickelt wurde, weil …? Weil wir vergessen wollen? Weil wir fortschreiten wollen?

Sade Rembitan – Dorfansicht

In der Stadt Berlin, in der diese Wissenschaftsdisziplin namens Vergleichende Musikwissenschaften einst neben Wien gegründet wurde, und kläglich abgewickelt wurde, weil …? Weil wir vergessen wollen? Weil wir fortschreiten wollen?

Ja – weil die Fehlannahme sich durchsetzte, in einer Welt mit steigender Konnektivität und Migration keine Sensibilität für andere Mentalitäten und Kulturen zu brauchen, und es sich eh nicht um ein staatstragendes Fach handele. So entsteht der begründete Verdacht, dass aus einer Gewissen Abschätzigkeit mit dem Vorwand einer kalten Kosten—Nutzen Rechnung gehandelt und abgewickelt wurde. Aber das ist Vergangenheit. Vergangen und vergessen?
In der Vergangenheit nannte sich die Freie Universität Berlin noch nicht Exzellenz-Universität und man hatte noch nicht dieses studientechnische Downgrade auf internationales “Low-Level” Niveau mit Bachelor und Master – sondern das tiefgreifende Erfolgsmodell Made in Germany mit Magister, Diplom und Staatsexamen. Wir wollen aber nicht sagen, dass früher alles besser war? Denn das sagen immer nur die alten Leute. Oder Leute, die sich alt fühlen.
Aber so, wie meine Professoren und Doktoren des Faches “Vergleichende Musikwissenschaft”, mir die Methoden anhand der grossen Wissenschaftler à la Wilhelm Wundt, Guido Adler, Erich Moritz von Hornbostel, Collin McPhee, Margaret Mead, Victor Turner, Bruno Nettl oder Clifford Geertz näherbrachten – mir als Vertreter des Nachwuchses – und das ritualisiert, in der Institution Universität – so wird das Wissen der Älteren auch in indigenen Kulturen ritualisiert weitergegeben, allerdings weniger institutionalisiert, sondern von Eltern an ihre Kinder. Und indigene Gesellschaften und Ethnien gibt es in Indonesien noch viele.
So auch auf eine der kleinen Sunda Inseln des Archipels, namens Lombok. Ob man mit dem Schiff von Padang Bay auf der westlichen Nachbarinsel Bali nach Mataram, der Hauptstadt Lomboks, fährt, oder mit dem Flugzeug, den neuen Flughafen anfliegt – die touristische Omnipräsenz Balis schwingt auch in Lombok mit, waren doch zumindest der Westteil Lomboks balinesische Kolonie. Und es leben beispielsweise in Senggigi Beach sehr viele Balinesen in ihren balinesisch anmutenden Häusern mit ihren Tempeln und Schreinen für die tausend Götter. Fährt man aus der Hauptstadt Mataram mit ihren breiten grosszügig angelegten Prachtstrassen gen Südosten, so kommt man in ein Dorf, dessen Gebäude nicht aus Stahl, Beton, Ziegelstein Konstruktionen und moderner Technik einem Erdbeben zum Opfer fallen würden. Und Erdbeben gibt es auf Lombok regelmässig. Die Schäden des Bebens von 2018 auf der Nordseite Lomboks sind sehr schwer! Es handelt sich hier um Konstruktionen auf dem Wissen der Alten aus der Vorzeit, aus Holz und mit Schilfdächern, mit ihren charakteristischen Holzdachgiebeln und Lehmböden, die jedem Erdbeben trotzen.
Wenn man als Tourist Lombok besucht, so mietet man sich ein Moped, chartert ein Taxi für einen ganzen Tag oder man bucht eine Tour, die oft von den Herbergen oder Hotels, in denen man günstig wohnen kann, angeboten werden. Unser Taxifahrer hat uns an einen der zahlreichen wunderschönen, sauberen und oft menschenleeren weissen Traumstrände gebracht. Und in das Sasak Dorf, Sade Rembitan.
Die Dorfgemeinschaft von ca. 700 Menschen – welche letztendlich ein Verbund mehrer Dörfer ist, gibt es schon seit unzähligen Generationen. Es hat Berühmtheit erlangt, denn der Indonesische Präsident, genannt Jokowi, besuchte es dieses Jahr aber auch unzählige Fernsehteams, auf Produktionstour für neue Dokumentationen. Das Deutsche 3Sat war ebenso dabei.
Was macht diese traditionelle Dorfgemeinschaft so erfolgreich, dass all die prominenten Besuche passieren?

Dorfleben im Sasak Dorf Sade Rembitan

DAS SASAK DORF UND DEREN MODELL  – VERBINDUNGEN & ZUKUNFT SCHAFFEN
Wir hielten mit unserem Taxi vor dem Haupteingang des Dorfes. Sofort kam ein freundlicher, dem Kleidungsstil den balinesischen Herrenkleidern sehr ähnlich gekleideter Herr, mit Sarong und langärmeligem Oberhemd und der typischen Kappe aus Batik, der sich mit Bapak Embar vorstellte.
Ganz nach musikethnologischer Etikette, stellt man seine Gewährsleute vor, die einem die Gebräuche und Rituale und oft unausgesprochenen Regelwerke des gesellschaftlichen Zusammenlebens erklären. Wir hielten es zunächst für eine auf Tourismus Hochglanz aufgeputztes nachgebautes pseudo ethnologisches Sasak Dorf. Wir kamen deswegen darauf, weil wir in den 90iger Jahren auf Sasak Dörfer stiessen, dessen Gesellschaften kaum Europäer zu Gesicht bekamen, deren Kinder nackt herumliefen und gar nichts modernes vorhanden war, weder Strom, Fernsehen oder Plastik. Unser Verdacht bestätigte sich aber nicht. Ganz im Gegenteil. Bapak Embar sprach zu uns in fliessendem Englisch, teils auch auf Deutsch. Er erklärte sogleich, wenn wir die Tour machten, so hätten wir für den Erhalt der Gebäude und der Kultur eine Gebühr zu entrichten. Wenn man schon da ist, da macht man sie dann auch und hat auch das Gefühl, etwas Gutes gemacht zu haben. Erinnerungs- und wissenswertes zu bewahren und nicht das Kulturgut dem Verfall und dem Niedergang Preis zu geben.

Essen im Sasak Dorf Sade Rembitan

Wir starteten die Führung im Zentrum des Dorfes – auf dem Dorfplatz, mit der offenen Versammlungshalle gleich am Haupteingang des Dorfes. Nach und nach stellte sich heraus, dass es sich nicht um ein von aussen eingeführtes Konzept hielt, durch sanften Tourismus und Führern aus dem Dorf selbst, Geld zu machen. Die Idee kam, so Bapak Embar – als vor 10-20 Jahren immer mehr Besucher in das Dorf kamen. Man bedauerte sehr, dass man nicht mit ihnen kommunizieren konnte, und ihnen das Leben in dem Dorf beschreiben konnte. So lernte Bapak Embar und andere im Selbststudium Englisch. Jeden Tag 5 Worte, meinte er stolz. Er führte uns durch die für uns romantisch anmutenden verwinkelten Gassen des auf einer leichten Anhöhe gelegenen Ortes. Durch die Unterstützung von Philips – hat man hier und da schon Häuser elektrifiziert. Auch die Wasserleitungen seien eine recht neue Errungenschaft. Man speichert das Wasser, welches aus Brunnen gepumpt wird in Tonkrügen. So bleibt es kühl und frisch. Wie in vielen indigenen Gesellschaften, spielt die Zahl drei symbolisch, kultisch eine fundamentale Rolle. Einen Verweis finden wir auch bei uns im Christentum mit der Trinität. Himmel – Erde und Unterwelt. Es gibt zwar eine Moschee in dem Ort – und man ist auch als Moslem registriert – aber eigentlich ist man viel eher Hindu und glaubt an die Beseelung der Materie durch die Ahnen, genannt Animismus. Ganz in dieser Tradition, spiegelt die Materie die geistigen Vorstellungen und Lehren. Jedes Haus ist in drei Ebenen gebaut. Durch hohe Lehmstufen getrennt sind der Eingangsbereich, der Wohnbereich der Familie, welches auch der Schlafplatz der Männer ist und der Wohnbereich der Frauen auf der dritten Ebene, der Höchsten. Gekocht wird mit sehr viel Gemüse. Fleisch – wie etwa Huhn gibt es nur manchmal. Wir Westler würden heute sagen: wie nachhaltig. Als meine Mutter Fächer kaufte bot man uns eine Plastiktüte an (die in Indonesien mittlerweile wie bei uns Geld kosten). Ich zeigte meinen Jutebeutel. Man lachte: “Oh, dari Jerman?” (“Oh – aus Deutschland!”). Bapak Embar meinte ernsthaft – dass das nur Deutsche machen würden. Bisher zumindest. Und so bekamen wir gleich einen Vortrag, dass man hier sehr bedacht darauf sei, Müll zu trennen, die Umgebung sauber zu halten. Fürwahr – Plastik und Müll sahen wir keinen einzigen! So outeten wir uns also als Deutsche. Sehr spannend.
Kühe werden, wie im Hinduismus üblich, verehrt. Mit dem Kuhdung werden die kühlen Lehmböden gepflegt. Wichtig, da auf dem Boden alles stattfindet. Das Essen, das Weben der traditionellen Stoffe und die meisten Alltagsverrichtungen.

Auf der zweiten Ebene in einem Sasak Haus

Erstaunlich ist, dass es nirgendwo unangenehm roch. Wenn man sich an das Paris der letzten 30-50 Jahre erinnert, so roch es dort immer nach Müll. Und im Mittelalter wurde die Notdurft oft aus den Fenstern auf die Strassen geworfen. Erstaunliche Feststellung. Wie im tropischen Indonesien üblich, wird sehr auf Hygiene geachtet. Die Soziologin und Anthropologin Mary Douglas bemerkte anhand ihrer Feldforschung und ihren Beobachtungen, dass man die ungeschriebenen Regeln einer Gesellschaft aus ihren Zuschreibungen, was als sauber und was als schmutzig definiert und gesehen wird, ableitbar wäre. So war ich sensibilisiert – ganz in die Wahrnehmung, das Sehen, Fühlen, Riechen und Schmecken zu gehen.

Typische Sasak Giebelkonstruktion

Natürlich hatte ich meine Mikrophone und Aufnahmegeräte nach Indonesien mitgenommen. Wie verhext war es, dass es an diesem Tag nicht so war. Ich hatte nur mein Smartphone dabei. Hätte ich gewusst, dass ich gar ein Interview führen würde und eine Film-Dokumentation entstehen würde, hätte ich alles Nötige mitgenommen. Aber ich merkte wieder, wie unnötig, das vermeintlich Nötige war, denn mit einem Smartphone und der tollen Hilfe von Bapak Embar – der mir viele Filmsequenzen von den Braut- und Beschneidungsritualen, von den berühmten Stockkämpfen und der Gamelan Ganding Musik per WhatsApp schickte – wurde ein Traum wahr. Herzlichen Dank an dieser Stelle!
Und Bapak Embar ist der Einzige im Dorf, der ein Smartphone besitzt und mit dem Dorf-Ältesten die sogenannten Strippen zieht. Der Dorf-Älteste wird im übrigen nicht gewählt.
Wer Zeit und Lust hat, sich die Dokumentation anzuschauen, der Folge bitte diesem Link: https://www.youtube.com/watch?v=3C8C6eSAWF4

Wasserspeicher im Sasak Dorf Sade Rembitan

GEDANKEN UND REMINDER ZU DEM WAS WIRKLICH ZÄHLT

Ich weiss nicht, wie es den Lesenden geht, wenn sie eine Doku über Archäologie, Ethnologie oder das Tierreich schauen. Deswegen liebe ich ARTE, BBC oder 3 Sat. Es schwingt für mich immer ein Hauch von Nostalgie mit, ähnlich dem Gefühl, welches mich überkommt, wenn ich Jazz Musik höre. Es schwingt etwas museales mit, wenn es um Menschen geht, und es schwingt etwas zoologisches mit, wenn es um Tiere geht. Aber auch etwas, was den ganzen Menschen angeht, welches im Spirituellen verortet ist. Eine Denkfigur, die in allen Religionen vorkommt: die Vorstellung und Idee, das Unverstellte, Saubere, Echte und letztlich Reine, sei im Früher, im Ursprung, durch göttliches Wirken verursacht, zu finden. Wir haben eine Partei im Bundestag sitzen, die Grünen etwa, die auf dieser aus der Religion kommenden Gedanken, ihre Vision und Ideologie auf die Umwelt übersetzt konstruieren – religiös gesprochen wäre das Narrativ: das Reine sei im Ursprung in einer mythischen, heiligen und göttlichen Vorzeit entstanden und in mythischen Erzählungen, oft oral tradiert im sozialen Gedächtnis einer Gesellschaft fixiert. So wird Vergangenheit und das Wissen um und aus ihr heilig. Diese Gedankenfigur rückübersetzt auf die Umwelt und Kultur: früher war die Umwelt sauber und rein – das müssen wir schützen und bewahren. Ein ur-konservativer Impuls, beinahe eben krypto-religiös.
Falls die Theorie von dem Britischen Erfolgsautoren Graham Hancock stimmen sollte, dass ganze Zivilisationen anhand von sogenannten Kataklysmen (umfassende Naturkatastrophen) ausgelöscht wurden, und er beispielsweise von Platos Schilderung des Unterganges einer hochstehenden Zivilisation, die unvorstellbare Gebäude baute und sonst auch vieles leistete, und den Bezug zur Umwelt verloren hatte und arrogant wurde – wir sprechen von Atlantis – spricht, nebst sämtlichen Schilderungen von Sintfluten und ähnlichem – und diese und andere Zivilisationen durch den Zorn der Götter durch Umweltkatastrophen untergingen, schliesst Hancock daraus, dass wir im Westen einen solchen Kataklysmus (etwa durch einen Meteoriteneinschlag, Klimaveränderungen und deren Folgen) nicht überleben würden. Überleben täten die indigenen Ethnien und Gesellschaften – denn sie würden das Know-How haben, überleben zu können.

Bapak Embar und Bastian Lee Jones (LebenslustTV)

Ein guter Reminder – einerseits aus der tradierten Lebensweise der Sasak angeregt, sich erinnern zu dürfen, wie simpel man leben kann und doch bessere Chancen hat, mit dem alten Wissen – beispielsweise Erdbeben schadenlos zu überstehen, Ressourcen schonend zu leben (wir würden heute sagen – der ökologische Fingerabdruck der Sasak wäre überdurchschnittlich gut) – so würden wir dafür keine Fridays for Future oder Grünen brauchen, denn wir wären es bereits. In dem Fall Grün (und das nicht als eine leere Worthülse, weil es gerade angesagt ist), sondern das Sich Erinnern an das, was die Menschen wirklich seit je her wissen und dies bewusst zu leben. Das hiesse, wir würden unsere Konsumtion automatisch auf ein Minimum beschränken können und trotzdem sauber, glücklich und verbunden sein.
Ein guter Reminder in die Wahrnehmung zu gehen – so wie Bapak Embar, und die Initiative zu ergreifen, etwas zu lernen, um mit Fremden in Kommunion gehen zu können, kommunizieren zu können und ihnen etwas von sich und ihren Errungenschaften, erzählen zu können – aber auch Neues von aussen sachte einführen zu können (Elektrizität Wasser etc.).
Ein guter Reminder, dass durch diese offene Verbindung und gegenseitige Wertschätzung – wie zu Bapak Embar – auf einmal – mit einem Minimum an Technik – einem “läppischen” Smartphone und dem Good Will zweier Menschen – eine Film Dokumentation entstehen kann – ohne Kamerafrau oder Tonmann, ohne Equipment, ungeplant – und eben ein Ergebnis entstehen kann, welches unerwarteter weise auch noch präsentierbar ist (nicht ganz technisch so geleckt und perfekt, wie auf BBC, Arte und 3 Sat mit ihren Budgets und Planungen) – aber das Sein im Moment und die Offenheit und Energie – lassen den Hochglanz unnötig werden. Zudem glaube ich, nennt man dies Serendipität – und all das in Kombination, grenzt im Ergebnis an ein Wunder. Ein Traum wurde wahr und ich fühle mich ein wenig wie ein Heinz Sielmann, ein Gerd Ruge oder Klaus Bednarz oder eine Jane Goodall.
Ich sage nur an alle Beteiligten, meinen Eltern, den Sasak, Bapak Embar, unserem Taxifahrer, dem Zeitblatt Magazin und LebenslustTV aber auch den Energien, die durch Offenheit entstehen: meinen herzlichsten Dank.

 

 

Related Posts

LEAVE A COMMENT

Make sure you enter the(*) required information where indicated. HTML code is not allowed

*