Shirin Neshat in der Kunsthalle Tübingen

„Frauen in Gesellschaft“

 

So der Titel der großen Übersichtsausstellung der 1957 geborenen iranischen Künstlerin, Filmemacherin und Fotografin Shirin Neshat in der Kunsthalle Tübingen. Der Titel ihrer Retrospektive fasst bereits die Leitfragen der Iranerin nach der Rolle der Frau in der muslimischen Welt sowie nach der Gesellschaft, in welche Frauen leben. Es verwundert somit nicht, dass Shirin Neshat gemeinsam mit Direktor Holger Kube Ventura im großen Saal der Kunsthalle die in der Arbeit „The Book of Kings“ dargestellte muslimisch geprägte Gesellschaft der Frauen in drei Gruppen unterteilt: auf der einen Längs-Wand die „Massen“ – 45 Porträtfotografien von durchschnittlichen, modernen Bürgern. Mit jeder einzelnen erzählt die iranische Künstlerin stellvertretend für viele eine Geschichte aus ihrer Heimat. Um in den USA Kunst zu studieren verließ sie diese 1979 während Ayatollah Khomeini durch die iranische Revolution an die Macht kam. Beeindruckend werden die „Massen“ den „Patrioten“, jenen Menschen, die für ihr Land die Hand aufs Herz legen, zu einer gegenüberliegenden Wand, in Beziehung gesetzt.

Zwischen beiden Gruppen steht der Betrachter sowie eine dritte Gruppe der Gesellschaft: die „Schurken“. Sie sind die einzigen, welche die Iranerin nicht als Porträts, sondern im Gesamten als Triptychon und Herrscherkaste darstellt. Dabei beleuchtet sie drei Generationen und setzt ihnen als Zeichen martialische, historische Schlacht- und Kriegsszenen auf den nackten Oberkörper. Neshat gelingt mit ihrer Arbeit „Book of Kings“, als eine Allegorie der Sozialstruktur, nicht nur ein überzeugendes Gesamtporträt ihrer Heimat, sondern eine Heranführung des Ausstellungsbesuchers an die muslimische Welt jenseits der westlichen Medien.

Nach elf Jahren in den USA kehrte 1990 Neshat, ein Jahr nach dem Tod von Ayatollah Khomeini, in den Iran zurück. Die von ihr erlebten Gegensätze zwischen ihrer Heimat vor und nach der Revolution veranlassten sie zu einer Fotoserie: „Women of Allah“ (1993–1997). Im Zentrum ihrer Arbeit stehen bewaffnete islamische Frauen, gekleidet in bodenlangen Tschador. Wie auch in den meisten Arbeiten Neshats sind die unbekleideten Hautstellen mit Texten zeitgenössischer iranischer Lyriker in Farsi beschrieben. Da eine Übersetzung der Texte fehlt, erschließen sich dem Besucher der Kunsthalle Tübingen die Arbeiten Neshats nicht in Gänze. Er muss sich mit dem emanzipatorischen Anmut der dargestellten Frauen in Verbindung mit den aufgebrachten Schriftzügen, die auf ihn wie kalligrafische Ornamente wirken, begnügen. Somit bleibt der Betrachter an der Oberfläche einer irritierenden Ästhetik mit einem leichten Hang zum Kitsch haften.

Mit dem in der Kunsthalle gezeigten Film „Illution & Mirros“ stellt Neshat eine westlich geprägte Frau, gespielt von Natalie Portman, ins Zentrum ihrer Handlung, welche durch das Haus ihrer Ahnen auf der Suche nach sich selbst läuft. Gerade die ständig wiederkehrenden Auflösungen von unscharfen hin zu scharfen Sequenzen geben dem Film eine weitere Dimension.

Auf klassische Dialoge verzichtet Neshat. Vielmehr stellt sie durch scheinbar autarke Monologe die Protagonisten als Fronten – Positionen – gegenüber. So auch in den gezeigten Zwei-Kanal-Videos „Tooba“, „Turbulent“ oder auch Rapture“, welche jeweils auf zwei gegenüberliegenden Wänden als Projektionen gezeigt werden. Nicht ohne Grund. Shirin Neshat denkt in Dichotomien: hell und dunkel, die „Massen“ und die „Patrioten“, Männer und Frauen. Besonders deutlich wird es in ihren Arbeiten „Turbulent“ und Rapture“, für welche die heute in New York City lebende Künstlerin 1999 mit dem Internationalen Preis der 48. Biennale von Venedig ausgezeichnet wurde. Aus zwei Perspektiven beleuchtet Neshat die Rolle der Frau sowie des Mannes. In „Turbulent“ singt ein Mann vor einem vollen Auditorium und eine verschleierte Frau vor einem leeren Saal. Neshat benutzt diese Gegenüberstellung, um das Gewicht des Wortes der jeweiligen Person zu verdeutlichen. Wem wird Gehör geschenkt? In „Rapture“ – wieder stellt die Iranerin zwei Positionen gegenüber – erklimmt eine westlich gekleidete Gruppe Männer eine Burg. Die Frauen folgen ihnen nicht. Immer höher steigen die Männer über angelegte Holzleitern die Burg hinauf, um letztlich ihren Frauen nach zu winken. Sie fahren übers Meer einem neuen Leben und einer neuen Gesellschaft entgegen.

 

Ausstellung 1.7. – 29.10.
Shirin Neshat – Frauen in Gesellschaft
Kunsthalle Tübingen
Philosophenweg 76
72076 Tübingen

Öffnungszeiten:
Mittwoch bis Sonntag: 11-18 Uhr, Dienstag: 11-19 Uhr

 

Text: ZeitBlatt / Andre Biakowski
Photo: Wolfgang Straßer

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