Salzburger Festspiele – TerrassenTalk Sommergäste

Als er im vergangenen Jahr mit dem Bus auf die Perner-Insel gefahren ist, um als „ganz normaler Zuschauer“ die Generalprobe von Frank Castorfs Hunger zu sehen, habe er noch nicht geahnt, dass er im Jahr darauf im gleichen Bus sitzen werde – diesmal aber, um zu seiner eigenen Probe zu fahren und sein Debüt als Regisseur bei den Salzburger Festspielen zu geben.

 

Evgeny Titov hatte fünf Wochen vor Probenbeginn für Maxim Gorkis Sommergäste einen Anruf bekommen. Bettina Hering, die Leiterin des Schauspiels der Salzburger Festspiele war am anderen Ende mit der Frage, da die ursprüngliche Regisseurin, Mateja Koležnik, aus gesundheitlichen Gründen die Arbeit sofort niederlegen musste, ob er einspringen könne. „Das war eine riesige Überraschung für mich“, sagt der Regisseur, der aber sogleich zusagte und das Ensemble samt fast fertigem Bühnenbild übernahm. „Nur nicht daran denken, dass ich für die Salzburger Festspiele inszeniere“, habe er am Anfang wie ein Mantra vor sich hingesagt und sofort angefangen mit seiner Dramaturgin, Janine Ortiz, am Text zu arbeiten.

Fünf Tage lang haben sie sich in ein Zimmer eingesperrt und Satz für Satz Übersetzungen verglichen, um eine Textfassung auf der Basis der Übersetzung von Arina Nestieva zu erarbeiten. Das sei sehr zeitaufwendig, sagt Janine Ortiz, aber es sei auch sehr fruchtbar gewesen. Mittlerweile sind drei Probewochen vergangen. „Das allerwichtigste ist mir, dass das Ensemble trotz aller Unterschiede der 15 Schauspielerinnen und Schauspieler zusammenwächst“, sagt Evgeny Titov.

Das Bühnenbild, das er zusammen mit dem Bühnenbildner Raimund Orfeo Voigt durch eine

n „entscheidenden Kniff“ zu seinem eigenen gemacht habe, sehe er als starken Partner in der Inszenierung. Sommergäste ist ein selten inszeniertes Stück – „vielleicht, weil man es immer in Zusammenhang mit der Revolution und mit 1904 sieht“, sagt Titov. Er selbst glaube nicht daran, dass er, der in Kasachstan geboren wurde und in St. Petersburg die Schauspielschule besuchte, einen besseren Zugang zu dem russischen Autor habe als es etwa ein deutscher Regisseur hätte. „Ich denke vielmehr, dass die Kunst immer etwas mit Empfindung und Intuition zu tun hat. Manchmal kann es vielleicht sogar hinderlich sein, wenn man schon zu viele Bilder und Assoziationen zu einem Schriftsteller hat“, sagt der Regisseur. Daher unterscheide er nicht zwischen einem deutschen und russischen Regisseur resp. Regisseurin, sondern vertrete die Meinung, dass es eine individuelle Sache sei, ob man einen Autor verstehe oder nicht, unabhängig von der Herkunft.

Dass das Leben oft Überraschungen bereithält, hat Evgeny Titov in seiner eigenen Biografie oft erlebt. Nachdem er mit der Schauspiel-Ausbildung fertig war, wurde er Mitglied im Ensemble in St. Petersburg. „Als ich in Kasachstan war, habe ich schnell gemerkt – ich will weiterkommen im Leben. Als ich dann in St. Petersburg war, ging es mir nach einiger Zeit genauso. Ich war seit 15 Jahren Schauspieler und wusste, ich will noch mehr erreichen“, sagt er. Bereits mit 21 Jahren habe er nächtelang durchgearbeitet, um nur für sich selbst Anton Čechovs Die Möwe zu analysieren. Und oft habe er das Gefühl gehabt: „Ich habe das Stück verstanden und keiner weiß das.“ Mit 30 Jahren intensivierte sich der Drang nach Wissen und Ausbildung und so entschloss er sich Regie zu studieren und sich am Max Reinhardt-Seminar in Wien zu bewerben. Bis dahin habe er noch kein Wort Deutsch gesprochen. „Aber wenn ich von etwas begeistert bin, kann ich sehr viel schaffen“, sagt er. Nach fünf Runden im AuswahlVerfahren wurde er in der letzten Runde abgelehnt. „Ich wusste aber – das ist es, was ich im Leben machen möchte“, sagt Evgeny Titov.

 

Also bewarb er sich erneut im Jahr darauf und wurde nicht nur aufgenommen, sondern gleich ins zweite Jahr versetzt. Seit 2016 ist er außerdem als Dozent an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch Berlin tätig, die ihn ebenfalls als Schüler abgelehnt hatte. Gorki selbst schrieb über die Uraufführung seines Stückes: „Die Aufführung der Sommergäste war ein Skandal und ich bin zufrieden. Das Stück ist nicht besonders, aber ich habe getroffen, wohin ich gezielt habe!“ – Ob er das Stück ebenfalls als „nicht besonders“ betrachte, möchte Schauspiel-Leiterin Bettina Hering wissen und ob ein Theaterskandal mehr zähle als die Qualität eines Stückes. „Es ist eine gute Frage, ob das Stück nur dann relevant ist, wenn es einen Skandal hervorruft“, sagt Evgeny Titov.

Es wäre platt, das Stück so zu inszenieren, dass es sich nur mit einer bestimmten gehobenen Schicht auseinandersetze. Ein größerer und schwierigerer Ansatz sei es, die ganze Gesellschaft zu betrachten. „Wir alle sind Sommergäste, solange wir nicht handeln. Viele reden nur und tun nichts, obwohl sie die Probleme der Zeit ganz genau benennen können“, sagt der Regisseur. „In der Zeit Gorkis hat es einen Vermittler gebraucht, zum Beispiel wie in Sommergäste einen Schriftsteller, um tätig werden zu können. Heute aber kann jeder Einzelne tätig werden.“ Sich dabei nur auf seine eigenen drei Themen zu beschränken, sei ihm zu platt. Vielmehr wolle er das Publikum aktivieren, sich mit den individuell relevanten Weltproblemen auseinanderzusetzen. Die Gesellschaft ertrinke heute in der Besprechung von Problemen. Gorki sei ein guter Spiegel, um zu untersuchen, was den Einzelnen einer Gesellschaft zurückhalte, tätig zu werden und etwas zu verändern, stimmt die Dramaturgin Janine Ortiz ihm zu. „Bei sich selbst mit der Veränderung anzufangen ist das Schwierigste.

Es ist einfacher auf eine Demonstration zu gehen und zu denken, ja, sie haben Recht“,

sagt Evgeny Titov. „Ich möchte in meiner Inszenierung allerdings nicht mit erhobenen Zeigefinger aufzeigen, ich möchte vielmehr jeden Einzelnen zum Nachdenken anstoßen.“ Interessant sei auch, dass die Sätze „Wir müssen uns alle ändern! Wir müssen uns ändern!“ im Stück von einer Frau, von der Ärztin Marja Lwowna ausgesprochen werden, sagt die Dramaturgin. Interessant deshalb, weil den meisten Frauen im Stück im Gegensatz zu den Männern kein Beruf zugeordnet ist, sie sind nur als „Frau von …“ betitelt. „Dass einige Frauen einfach ‚nur‘ Frau sind, ist nicht nur zu Gorkis Zeit, sondern auch heute noch ein durchaus legitimes und gültiges Familienbild, genauso wie die emanzipierten Frauen“, sagt Janine Ortiz. Bei Gorkis Sommergästen allerdings entgleite das Frauenbild in eine Art Frauenhass, der von den Männern ausgehe. Als selbstverständlich werde im Verlaufe des Stückes artikuliert, dass die Frau dem Mann untergeordnet sei und dass man sie nur schwängern müsse. Damit stelle man sicher, dass sie nicht nach zu viel Veränderung strebe. Evgeny Titov sagt, er wisse noch nicht, wie er mit diesen Sätzen umgehen solle. Er habe mit dem Ensemble bereits hitzige Diskussionen geführt und ließ beim TerrassenTalk offen, wie die Lösung auf der Bühne nun sein werde.

 

TerrassenTalk mit Bettina Hering, Evgeny Titov und Janine Ortiz © SF/Anne Zeuner

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