Provenienzforschung an der Kunsthalle Mannheim

Seit 2011 betreibt die Kunsthalle Mannheim Provenienzforschung – Nun liegt auch der Abschlussbericht im Bereich Graphik vor
5.700 Seiten stark ist der Abschlussbericht der Provenienzforschung im Bereich Graphik, den Dr. Mathias Listl am 07. Dezember 2018 präsentiert. Im Mittelpunkt dieses dreijährigen Projektes stand die Klärung der Herkunft von insgesamt 2.253 Inventarnummern in der Graphik, die ab 1933 von der Kunsthalle erworben worden sind.

Nach Beendigung der langwierigen Recherchen lässt sich nun bilanzieren, dass der überwiegende Teil der in den Fokus genommenen Werke eindeutig vom Verdacht auf NS-Raubkunst auszuschließen ist. Dagegen kamen bei insgesamt 25 Graphiken Hinweise auf einen NS-verfolgungsbedingten Entzug zum Vorschein. Eine Radierung muss sogar eindeutig als NS-Raubkunst eingestuft werden.

Konkret konnte bei 1.709 graphischen Werken zweifelsfrei festgestellt werden, dass sie während der NS-Diktatur ihren vormaligen Eigentümern nicht unrechtmäßig entzogen oder von diesen unter Zwang verkauft wurden. So lässt sich nun eindeutig belegen, dass viele von ihnen entweder direkt vom Künstler erworben oder bereits vor 1933 vom Museum angekauft, aber nicht ordnungsgemäß in die Bestände inventarisiert wurden. Bei einer weiteren Gruppe von Graphiken konnte für den Zeitraum zwischen 1933 und 1945 wiederum eine lückenlose und hinsichtlich NS-Raubkunst unbedenkliche Provenienz ermittelt werden.

Durch die vorgenommenen Untersuchungsschritte konnte bei 518 Graphiken der Verbleib während der Zeit des Nationalsozialismus nicht lückenlos belegt werden. Gleichzeitig traten durch die Recherchen aber keinerlei Hinweise darauf zu Tage, dass sie NS-Opfern unrechtmäßig entzogen oder von diesen unter Zwang verkauft wurden.
Bei 25 Druck- und Originalgraphiken – vorwiegend im 19. Jahrhundert entstanden – besteht nach Abschluss der Recherchen dagegen der Verdacht auf NS-Raubkunst. Sie wurden ausnahmslos zwischen 1933 und 1945 von Kunsthändlern angekauft, die aktiv in den nationalsozialistischen Kunstraub involviert waren und von diesem profitiert haben. Konkret handelt es sich um 21 Ankäufe vom Leipziger Auktionshaus C. G. Boerner sowie um zwei Erwerbungen von Adolf Wüster. Bei allen diesen Werken konnte nicht umfassend rekonstruiert werden, wie diese in den Besitz von Boerner bzw. Wüster gelangten. Ein NS-verfolgungsbedingter Entzug dieser Graphiken ist vor diesem Hintergrund deshalb als wahrscheinlich einzustufen ist. Ein weiteres Werk erwarb die Kunsthalle Mannheim 1941 zwar aus Privatbesitz, wie die Recherchen jedoch ergaben, wurde das fragliche Blatt aber vermutlich 1937 vom Berliner Kunstantiquariat Reinhold Puppel versteigert.

Die Radierung „Der Trinker“ (1874) von Wilhelm Leibl ist schließlich eindeutig als NS-Raubkunst zu kategorisieren. Die Kunsthalle hat diese Druckgraphik 1944 von der Mannheimer „Verwertungsstelle volksfeindlichen und jüdischen Vermögens“ erworben. Diese dem Finanzamt der Stadt unterstellte Behörde verkaufte und verteilte vorwiegend in den Häfen von Rotterdam und Antwerpen zurückgelassenes Umzugsgut jüdischer Bürger Mannheims und der Region Nordbaden an die Bevölkerung in Mannheim. Da bisher keine Auflistungen gefunden werden konnten, wem die zurück nach Mannheim verbrachten Gegenstände im Einzelnen gehörten, und auf dem Blatt keinerlei Provenienzmerkmale zu finden sind, konnte der vormalige Eigentümer der Radierung bisher nicht identifiziert werden.

Bereits seit November 2011 untersucht die Kunsthalle Mannheim ihre Bestände systematisch nach NS-Raubkunst. Ziel des Projekts ist es, möglichst lückenlos die Besitzerwechsel aller vor 1946 entstandenen Kunstwerke zu klären. Dadurch sollen während des Nationalsozialismus unrechtmäßig entzogene Kunstwerke identifiziert und ihren früheren Besitzern bzw. deren Erben restituiert werden.

Die Untersuchungen von ca. 700 Werken in den Gattungen Malerei und Skulptur konnten im Juli 2015 abgeschlossen werden. Es hatten sich dabei 17 Verdachtsfälle in den Gattungen Malerei und Skulptur ergeben.
Im Falle der neu ermittelten Provenienzen mit einem möglichen NSverfolgungsbedingten Hintergrund strebt die Kunsthalle Mannheim eine größtmögliche Transparenz an. Alle ermittelten Fakten dieser verdächtigen Graphiken werden sowohl auf der Homepage der Kunsthalle (www.kuma.art) als auch auf der Seite der zentralen bundesdeutschen Meldestelle Lost Art veröffentlicht (www.lostart.de). Dadurch sollen potentielle frühere Eigentümer bzw. deren Erben auf diese Werke aufmerksam gemacht werden, um ihre Ansprüche auf sie geltend machen zu können.

Die Provenienzforschung an der Kunsthalle Mannheim wurde maßgeblich finanziell unterstützt von der Arbeitsstelle Provenienzforschung bzw. seit 2015 vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste, die zwei große, jeweils dreijährige Forschungsprojekte ermöglichten. In die Förderung durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste eingeschlossen war auch die Erarbeitung der Ausstellung „(Wieder-)Entdecken – Die Kunsthalle Mannheim 1933 bis 1945 und die Folgen“, die noch bis 2020 zu sehen ist.

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