Kiddy Citny und Thierry Noir „30 Jahre Mauerfall – Dinosaurier der Street Art“

Am Donnerstag dem 1. August 2019 trafen wir Kiddy Citny und Thierry Noir zum Interview im Culture Pop Studio by Street Art Berlin. Die beiden bekannten Künstler der Street Art luden zur Vernissage ein.

Sie präsentierten eine Auswahl an verschiedenen Werken, als Highlight stellten Sie ein gemeinsam erschaffenes Werk vor.

Im Interview mit dem ZeitBlatt Magazin verrieten die beiden Künstler spannende Hintergrundinformationen, ihre Zielsetzungen und Leitfäden im Leben der Kunst.

ZeitBlatt Magazin / Ariane Rykov:

In wie weit prägte die Mauer euren Weg in der Kunst?

Kiddy Cidny:

Das ist ungefähr 35 Jahre her und wie wir sehen hat sich gar nicht so viel verändert.

Es sind jetzt Werke hier auf Leinwand, aber im Grunde sind die Motive ähnlich   – es geht Liebe – es geht um Herzen – es geht darum, das sich Menschen wie Königinnen und Könige fühlen .
Es ist nach wie vor figurativ.
Es ist Kunst die man mitnehmen kann und sich zu Hause aufhängen kann.

Kunst als höchste Form der Kommunikation hat nach wie vor den Auftrag möglichst viele Menschen zu erreichen. Deshalb malen wir immer noch gerne auf Mauern und sprechen auch Themen an, die immer aktueller werden: – die Welt im Arm zu halten – sie zu pflegen – sie zu schützen – damit sie für die Nächsten Generationen noch bewohnbar ist.

Ariane Rykov:

Wann ist für Euch der Gedanke entstanden die Berliner Mauer als Anhaltspunkt für Kunst zu verwenden?

Thierry Noir:

Ich habe ab Januar 1982 direkt an der Mauer gelebt und gewohnt, am Mariannenplatz in dem Jugendzentrum Georg von Rauch Haus. Das Haus war direkt an der Mauer platziert. Es war ein ehemaliges Krankenhaus, dort wohnte ich zusammen mit ungefähr fünfzig Leuten. In dieser Zeit, nach ungefähr zwei Jahren habe ich das Gefühl bekommen, gegen dieses monströse Ding muss ich etwas machen! Dann habe ich alles was ich an Farbe hatte genommen und angefangen in Bild zu malen. Dieser Tag hat mein Leben verändert.

Es wollten plötzlich alle von mir wissen was los ist, warum ich die Mauer anmale. Die deutsche Gesellschaft und auch die deutschen Künstler wollten die Mauer nicht sehen und schon gar nicht bemalen. Das ein Ausländer aus Frankreich plötzlich die Mauer bemalt, das war aggressiv für diese Leute. Jeder wollte wissen, „warum bemalst du diese Mauer und wer bezahlt das“? Ab diesem Zeitpunkt habe ich bemerkt, ich habe irgendetwas besonderes angefangen.

Ich begann mit Recherchen um den Menschen diese Frage zu beantworten. Zunächst musste ich wissen, was diese Mauer für die Deutschen bedeutet. Durch meine Recherchen habe ich realisiert, sie bedeutet einen tiefen Riss in der Gesellschaft. Viele Menschen, Familien, lebten auf der anderen Seite und waren getrennt von ihren Verwandten und Freuden – das trifft tief. In Frankreich habe ich nie gewusst, das diese Themen überhaupt existieren – mit meinem bisschen deutsch, was ich damals sprach, fiel es mir rückblickend sehr schwer – den Menschen auf Ihre Frage zu antworten.

Meine Botschaft war es zu sagen, ich versuche die Mauer nicht zu verschönern – das ist unmöglich. Es ist kein Kunstprojekt, viele Leute sind an dieser Mauer gestorben. So hat für mich alles angefangen, damals im April 1984.

ZeitBlatt Magazin / Ariane Rykov:

Heute wird die Mauer mit Euren Kunstwerken die auch in Wim Wenders Film „Himmel über Berlin“ zu sehen waren durch Euch restauriert.

Kiddy Cidny:

Ja, weil an den beiden Mauersigmenten, die am Leipziger Platz als Denkmal stehen die Farbe abbröckelt, sie durch Touristen beschmiert wurden. Deshalb restaurieren wir sie alle sieben Jahre.

ZeitBlatt Magazin / Ariane Rykov:

Wie finanziert sich diese Restaurierung?

Kiddy Cidny:
Das finanzieren wir selbst.

Das Denkmalamt zeigt kein großes Interesse , die haben uns die Genehmigung erteilt und wir wollen keine 200 Euro Farbe vom Denkmalamt haben. Es ist uns eine Herzensangelegenheit, dass sie gut und frisch aussieht. Für Berlin – uns ist es wichtig, dass die Mauer auch von Jungen Menschen als Mahnmal gesehen wird und nicht das es aussieht wie „Ach, da kümmert sich keiner drum, das ist der Berliner Regierung egal was damit passiert.“

ZeitBlatt Magazin / Ariane Rykov:

Es ist Euch beiden ein großes Anliegen, diese dunkele Geschichte von Deutschland auch der Nachwelt ins Bewusstsein zu rücken?

Kiddy Cidny:

Ja, gerade weil heutzutage mehr Mauern stehen als 1989.

Überall werden Mauern errichtet.

Jeder Staat der eine Mauer errichtet wird letztendlich unter gehen darin.

Eine Mauer heißt Unfreiheit.

Unfreiheit heißt, das die Bevölkerung sich irgendwann auflehnt und die Mauer einreist. Das wird jedem Staat der eine Mauer errichten lässt passieren.

ZeitBlatt Magazin / Ariane Rykov:
Wie habt ihr Eure Auswahl für die Werke getroffen, die zur Vernissage „30 Jahre Mauerfall“ präsentiert werden?

Thierry Noir:

Die meisten Bilder sind Neu, in diesem Jahr und im letzten Jahr entstanden. Ich habe versucht, eine Palette meines Stils zusammen zu bringen. Meine Klassiker, die Blauköpfe mit dem roten Mund, dem dunkelblauen Hintergrund, dann die Einzelköpfe aus der Reihe „Arme Zeit“ und „Reiche Zeit“.

Meine arme Zeit in schwarz weiß – meine reiche Zeit in bunten Farben, das ist das was ich hier zeige. Das Highlight, ein zusammen gemaltes Bild mit Kiddy Cidny, das haben wir extra für diese Ausstellung erschaffen. Auch die zwei Dominos sind eigens für diese Ausstellung entstanden. Ich finde es wichtig immer neue Sachen zu zeigen, aus diesem Grund sind die meisten Bilder von mir eigens für diese Ausstellung gefertigt. Die meisten meiner alten Bilder wurden zum größten Teil verkauft oder befinden sich in London.

Kiddy Cidny:

Die meisten Bilder sind aus den letzten zwei Jahren.

Es war eine große Freude für mich, mit Thierry nach einer sehr langen Zeit dieses große Bild gemeinsam zu bemalen. Besonders war es auch, auf den Dominomauern zu malen, zu schreiben – einfach spontan zu sein – Wörter zu schreiben die wichtig sind. Kunst soll gesehen werden!

 

 

 

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