Hessischer Film- und Kinopreis

Die Hessischen Film- und Kinopreise werden seit 1990 jährlich vom Land Hessen als Förderpreise und Auszeichnungen für Filmemacher und Kinobetreiber verliehen. Die Vergabe erfolgt durch das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst.

Ausgezeichnet werden RegisseurInnen von hervorragenden Spiel-, Dokumentar-, Kurz- oder Experimentalfilmen sowie AutorInnen eines Drehbuchs mit Bezug zum Land Hessen. Insgesamt stehen hierfür 82.500 Euro zur Verfügung. Im Nachwuchsbereich verleiht das Land Hessen den Hochschulfilmpreis für den besten Abschlussfilm sowie seit 2017 den Hessischen Newcomerpreis. Beide Preise sind jeweils mit 7.500 Euro dotiert. Mit den Kinokulturpreisen, insgesamt 95.000 Euro Preisgeld, werden außerordentliche Leistungen und herausragendes kulturelles Engagement von gewerblichen und nicht gewerblichen Kinos honoriert. Der Hessische Fernsehpreis wird im Rahmen des Hessischen Film- und Kinopreises vom Hessischen Rundfunk in den Kategorien „Beste Schauspielerin“ und „Bester Schauspieler“ verliehen.

Die Verleihung der Hessischen Film- und Kinopreise wird am Freitag, den 13. Oktober 2017 ab 19.00 Uhr in der Alten Oper in Frankfurt stattfinden. Der Hessische Rundfunk sendet am Sonntag, den 15. Oktober 2017, um 19.00 Uhr eine 30-minütige Zusammenfassung des Abends.

Preisträger Hessischer Film- und Kinopreis 2017

Kategorie Spielfilm

Moritz Bleibtreu in Özgür Yildirims Gangsterdrama „Nur Gott kann mich richten“

Regie: Özgür Yildirim | Preisgeld: 25.000 Euro

Gangstergeschichten lassen sich nicht überall erzählen. Der Ort muss schon ein besonderes Flair haben, muss geprägt sein von Gegensätzen, muss ein Schmelztiegel verschiedenster Kulturen sein. Liefert dieser Ort auch noch unverbrauchte und authentische Bilder, dann ist er perfekt. Für Regisseur Özgür Yildirim konnte dieser Ort nur Frankfurt am Main sein. Das raue Bahnhofsviertel mit dem letzten echten Rotlicht-Milieu Deutschlands neben der einzigartigen Skyline des Bankenviertels; gut gekleidete Banker, die an Obdachlosen und Drogenjunkies vorbeihetzen – auch das ist eine Seite von Frankfurt.

Özgür Yildirim versteht es in „Nur Gott kann mich richten“ dieser Stadt eine großartige Hauptrolle zu geben, die die Essenz dieser Geschichte bildet. Drei Charaktere, die alle etwas moralisch Gutes tun wollen: Der Ex-Häftling Ricky, der für sich und seinen senilen Vater ein besseres Leben plant, sein jüngerer Bruder Rafael, der mit seiner Freundin ein Tanzstudio eröffnen möchte und die Polizistin Diana, die ihrer todkranken Tochter Lilly ein Herz beschaffen will. Doch um ihre Sehnsüchte zu stillen, müssen sie erst Böses tun. Allen dreien wird das schließlich zum Verhängnis.

„Nur Gott kann mich richten“ ist keine leichte Kost, sondern ein starker Genrefilm mit großartiger Besetzung. Das Darstellerensemble um Moritz Bleibtreu, Edin Hasanovic und Birgit Minichmayr spielt seine Rollen so authentisch, dass der Zuschauer einen spürbar realistischen Einblick ins Milieu erhält. Zu verdanken ist das auch dem hervorragenden Szenenbild und der herausragenden Kameraarbeit, die atemberaubende Bilder von Frankfurt und dem Milieu einfängt.

Özgür Yildirim gelingt es mühelos, Charakterstudie und Milieustudie zu einem atmosphärisch dichten Gangsterfilm zu verknüpfen und beweist nebenbei, dass Frankfurt das Zeug hat zum Schauplatz für beeindruckende Kinofilme.

Kategorie Dokumentarfilm

Thomas Frickels „Wunder der Wirklichkeit“ ist eine Hommage an den Rüsselsheimer Filmemacher Martin Kirchberger

Regie: Thomas Frickel | Preisgeld: 15.000 Euro

Thomas Frickels Dokumentarfilm „Wunder der Wirklichkeit“ schildert die künstlerische Arbeit der Künstlergruppe „Cinema Concetta“ um Martin Kirchberger. Er und sein Team verunglückten in der Nähe von Heidelberg am 22. Dezember 1991 mit einem Flugzeug während der Dreharbeiten zum satirischen Kurzfilm „Bunkerlow“.

Nach 25 Jahren hat Thomas Frickel nun aus originalen Film- und Tondokumenten und aus eigener Perspektive ein ebenso sensibles wie lebendiges Portrait seines Freundes und Kollegen Martin Kirchberger und des „Cinema Concetta“-Filmteams geschaffen. Die Dokumentation meistert den Grenzgang zwischen Komik – die Darstellung satirischer Inhalte – und Tragik – die Schilderung von Überlebenden über das traurige Unglück – in sehr eindrucksvoller Weise.

„Wäre diese Geschichte erfunden, wäre sie nur eine zynische, geschmacklose Übertreibung. Aber so hat die Katastrophe von Heidelberg die Botschaft des Films auf makabre Art und Weise in die Wirklichkeit hinein verlängert“, so der Filmemacher.

„Wunder der Wirklichkeit“ ist eine herausragende, packende Hommage an Thomas Frickels Freund Martin Kirchberger und die Gruppe „Cinema Concetta“ – und eine sehr nahegehende Entdeckungsreise in die Grauzone zwischen Erfundenem und der Wirklichkeit.

Kategorie Kurzfilm

Anke Sevenich und Rainer Reiners in „Familienzuwachs“ von Teresa Hoerl Regie: Teresa Hoerl | Preisgeld: 5.000 Euro

„Familienzuwachs“ nimmt sich dem viel diskutierten Thema „Flüchtlinge“ an. Der Film schafft es, sich humorvoll, vielseitig und authentisch mit verschiedensten Perspektiven auseinander zu setzen. Eine geflüchtete Familie zieht in das Haus des kinderlosen Ehepaares Renate und Manni. Auf dem hessischen Land sind sie gefangen im Alltagstrott und Manni wird von seiner Frau vor vollendete Tatsachen gestellt. Nach anfänglichen Missverständnissen gelingt zunehmend das Zusammenleben.

Das Drehbuch gibt den Figuren Raum, ihre Zuwendung und Sehnsüchte zeigen zu können. Wo man gerade noch vermuten könnte, der Humor stünde im Vordergrund, wird der Inhalt wieder schärfer und das Lachen bleibt einem im Halse stecken.

Tolles Schauspiel von allen Beteiligten, u.a. von Anke Sevenich, und eine herrlich authentische Ausstattung mit viel Lokalkolorit runden das gelungene Drehbuch der Regisseurin Teresa Hoerl ab.

Kategorie Hochschulfilm

„INK OF YAM“ von Tom Fröhlich, Absolvent der Hochschule Darmstadt © Tom Fröhlich

Regie: Tom Fröhlich | Hochschule Darmstadt | Preisgeld: 7.500 Euro

„Ink of Yam“ erzählt den Weg zweier Männer, die über Sankt Petersburg nach Jerusalem kamen und gemeinsam ein Tattoo Studio eröffneten, mit dem Ziel den Menschen dort einen besonderen Ort zu geben.

Die Gründe, warum man sich ein Tattoo stechen lässt, sind vielfältig und persönlich. Diese intimen Momente beobachtet der Film aufmerksam und portraitiert Ängste, Hoffnungen und verschiedenste Haltungen zum Leben in Jerusalem, indem Regisseur Tom Fröhlich die Menschen einfach reden lässt.

Dicht erzählt und gut strukturiert wird die Komplexität dieser Stadt für Außenstehende nachvollziehbar und gewährt einen tiefen Einblick in die junge Gesellschaft Israels.

Kategorie Drehbuch

„Schneegestöber“ ist die Geschichte eines Todkranken, der zum Sterben ins Hospiz geht. Ihre Schilderung gelingt David Ungureit sehr intensiv, denn vor dem Tod gibt es noch allerhand zu erzählen. Gabriel Dorn, Sportjournalist in den frühen Vierzigern, erfährt plötzlich, dass er Leukämie im Endstadium hat. Kurz nach der Gewissheit bricht er alle Kontakte ab, auch zu seiner Exfrau und der achtjährigen Tochter Lili. Sie sollen ihn als kraftstrotzenden Menschen in Erinnerung behalten als den er sich selbst gern gesehen hatte.

Im Hospiz trifft er auf einen Ort, der viel lebendiger ist, als er es erwartet hatte und der einige Überraschungen bereithält, z. B. Mitbewohner, die ganz andere Strategien haben, sich dem, was kommt, zu stellen. Und dann ist da noch Nadja, die für sich beschlossen hat, ihr Leben alleine und vor allem auch ohne Gabriel zu beenden.

„Schneegestöber“ punktet mit einem gelungenen Spannungsbogen, hoher Emotionalität und guten Figuren. Autor David Ungureit schafft es, dieses eigentlich traurige Thema so humorvoll und stark zu erzählen, wie man es kaum erwarten konnte.

Die Jury zu den Hessischen Kinokulturpreisen 2017

Auch in diesem Jahr war die Jury über die Vielfalt der Einreichungen sehr erfreut. Als Neueinreicher begrüßte die Jury das Unikino in Darmstadt, das Kino in Pfungstadt und das naxos.Kino, das sich ausschließlich dem Dokumentarfilm widmet. Die Kinolandschaft in Hessen ist mit seinen engagierten Macherinnen und Machern sowohl im gewerblichen als auch im nicht gewerblichen Bereich einzigartig. Es bietet ein breites Spektrum an kommunalen Kinos, Studentenkinos, Filmmuseum, Filmclubs und besonderen Programmkinos.

Die Programme überzeugen mit vielfältigen Programmen, Sonderveranstaltungen und Veranstaltungen mit Gästen. Gelegentlich wird der Kinosaal auch spielerisch genutzt. Besonders erfreulich ist, dass der Dokumentar- und Kurzfilm verstärkt seinen Weg ins Kino findet. Das Kino in Hessen lebt und atmet für sein Publikum. Auch in diesem Jahr zeigen die Kinos, dass sie insbesondere auf dem Land ein wichtiger Bezugspunkt und oft einziger Kulturort sind. Aber auch im urbanen Raum tut sich Einiges.

Die Jury ist begeistert von den vielen tollen Ideen und der liebevollen Programmgestaltung. Die Kooperationen der Kinos sind bemerkenswert und bringen neuen Austausch und Input. Dieses leidenschaftliche und beständige Engagement der Kinobetreiberinnen und Kinobetreiber ist für das Publikum spürbar und wird auch in der Presse positiv wahrgenommen

Insgesamt vergibt die Jury in diesem Jahr zehn Kinokulturpreise für nicht gewerbliche Kinos und zehn Kinokulturpreise für gewerbliche Kinos.

Ulrich Tukur erhält den Ehrenpreis 2017 des Hessischen Ministerpräsidenten

Den Ehrenpreis des Hessischen Ministerpräsidenten 2017 erhält Ulrich Tukur. Der 60 Jahre alte, im hessischen Viernheim geborene Schauspieler ist dem Publikum aus vielfach preisgekrönten Kino- und Fernsehfilmen bekannt. Er gilt als einer der renommiertesten Filmschauspieler seiner Generation in Deutschland.

Ulrich Tukur begann seine Schauspielkarriere nach dem Studium bei den Städtischen Bühnen Heidelberg. Es folgten zahlreiche Engagements an Theatern in Hamburg und Berlin, 1986 wurde er von den deutschen Theaterkritikern zum Schauspieler des Jahres gekürt. Auch in Hollywood kam er gut an: 2002 spielte er an der Seite von George Clooney im Science-Fiction-Film „Solaris“. In Deutschland brillierte Turkur in Florian Henckel von Donnersmarcks oscarprämiertem Meisterwerk „Das Leben der Anderen“ in der Rolle eines Oberstleutnants der DDR-Staatssicherheit.

Seit 2010 ermittelt Tukur als Kommissar Felix Murot im Wiesbadener Tatort. Besonderen Erfolg feierte die Episode „Im Schmerz geboren“: Sie bediente sich bei klassischen Theaterelementen, stellte Parallelen zu Tarantino und Shakespeare her und begeisterte sowohl das Publikum als auch die Kritiker. Es war vor allem Tukurs Kunst zu verdanken, dass der Film die „Goldene Kamera“ und den „Grimme-Preis“ erhielt.

Seine Entscheidung begründet Ministerpräsident Volker Bouffier wie folgt: „Seit Jahrzehnten weiß Ulrich Tukur in unzähligen Rollen mit der Vielseitigkeit in seiner Schauspielkunst zu begeistern. Dabei liegt es auf der Hand, dass er als gebürtiger Hesse auch in die Rolle des hessischen Tatort-Kommissars Felix Murot ‚geschlüpft‘ ist. Zahlreiche große Filmproduktionen dokumentieren Tukurs großartige Schauspielkarriere und nicht zuletzt in ,Grzimek‘ – womit wir wieder in Hessen sind – demonstrierte er wiederholt, wie eindrucksvoll und feinsinnig er sich in die Charaktere, die er vor der Kamera verkörpert, hineinversetzen kann. Und damit nicht genug: Nicht nur auf der Schauspielbühne oder vor dem Filmset hat er in den letzten Dekaden brilliert, auch als Musiker, Sänger, Pianist und Akkordeon-Spieler hat er sich erfolgreich hervorgetan. Somit ist Ulrich Tukur ein Allrounder, stets sicher im Takt und nichts bringt ihn dabei aus dem Rhythmus.“

Jasna Fritzi Bauer erhält den ersten Hessischen Newcomerpreis

Der erstmals vergebene, mit 7.500 Euro dotierte Newcomerpreis geht an Jasna Fritzi Bauer. Sie wurde 1989 in Wiesbaden geboren und gehörte zuerst dem Jugendclub und später dem Ensemble des Hessischen Staatstheaters an. Ihre Schauspielausbildung absolvierte sie an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“. Von 2012 bis 2015 stand sie am Wiener Burgtheater auf der Bühne. Im Jahr 2013 war sie für ihre Rolle in Bettina Blümners Drama „Scherbenpark“ als „Beste Schauspielerin“ für den Hessischen Fernsehpreis nominiert.

Jasna Fritz Bauer beweist in ihren Porträtrollen immer wieder Feingefühl für provokante Charaktere – etwa die am Tourette-Syndrom leidende Eva in ihrem Kinodebüt „Ein Tick anders“, als suizidgefährdete Charleen in der Tragikomödie „About a Girl“ oder als Nazimädchen Vera im Frankfurter Tatort „Land in dieser Zeit“. Auch ihre Darstellung des schrägen Berliner Görs Mifti in ihrem Spielfilmdebüt „Axolotl Overkill“ überzeugte Publikum und Kritiker.

Kunst- und Kulturminister Boris Rhein: „Jasna Fritzi Bauer ist eine der ausdrucksstärksten und begehrtesten Jungschauspielerinnen ihrer Generation. Ihre Darstellung von problematischen Jugendlichen sucht ihresgleichen. Mit großer Spielfreude und mitreißender Energie weckt sie Empathie beim Zuschauer und überzeugt sofort mit ihrem Spiel. Ich freue mich, eine so talentierte junge Schauspielerin mit unserem neuen Newcomerpreis auszeichnen zu können.“

Preisträger Hessischer Fernsehpreis 2017

Beste Schauspielerin

Corinna Harfouch in „Viel zu nah“

ARD 2017, Regie: Petra K. Wagner

Caro ist Mutter, Caro ist Polizistin. Diese beiden Leben prallen plötzlich aufeinander, als sie ihren geliebten Sohn eines Gewaltverbrechens verdächtigt. Corinna Harfouchs ist Caro. Sie vereint dabei scheinbar weit entfernte Gegensätze. Die Figur, die sie spielt, ist verwundet, irregeleitet, suchend. Gleichzeitig ist sie Fundament des Films, das, worauf alles lastet. Sie entwickelt selbstbewusst eine atemberaubende Präsenz. Gleichzeitig ordnet sie ihr Spiel demütig der Geschichte unter. Corinna Harfouch lebt förmlich in den Sätzen dieses klugen Drehbuchs. Ihre stärksten Momente hat sie jedoch, wenn sie schweigend innehält. Dann ist sie im besten Sinne bildfüllend. Corinna Harfouch hat den Mut zur Pause. Und so hypnotisiert sie uns Zuschauer, lässt uns eintauchen in Caros Innenwelt. Wir zweifeln mit ihr, wir triumphieren mit ihr, wir rätseln mit ihr – und am Ende erkennen wir.

Bester Schauspieler

Jens Harzer im rbb-Tatort „Amour fou“

ARD 2017, Regie: Vanessa Jopp

Wäre dieser „Tatort“ ein Uhrwerk, Jens Harzer wäre seine Triebfeder. Er hat 90 Minuten Zeit, eine Figur zu entwickeln, und diese Zeit nimmt er sich auch. Er spielt Armin, einen  schwulen Witwer –  traurig, hochintelligent, unnahbar. Jens Harzer schickt uns auf eine Reise. Auf dieser Reise wird unser Bild von diesem Armin ständig verändert. Wir starten mit Ablehnung, dann zweifeln wir, wir rätseln, wir verdächtigen, und am Ende – selten im „Tatort“-Kosmos – sind wir zu Tränen gerührt. Das ist Storytelling! Ein guter „Tatort“ ist immer auch eine Momentaufnahme unserer Gesellschaft. „Amour fou“ ist ein ehrenvolles Plädoyer für Toleranz und gegen Ausgrenzung. Jens Harzers berührendem Spiel ist es aber zu verdanken, dass dieser „Tatort“ mehr ist als ein Lehrstück; Harzer erhebt es zu einer universellen Liebesgeschichte, zu etwas, was über den Zeitgeist hinausragt.

Nominierungen Hessischer Film- und Kinopreis 2017

Kategorie Spielfilm

Vorwärts immer (Deutschland 2017, 98 Minuten)

Regie: Franziska Meletzky

„Vorwärts immer!“ ist eine turbulente und kurzweilige Komödie über die DDR in ihren letzten Tagen. Regisseurin und Co-Autorin Franziska Meletzky versteht es, die Themen Theater und Politik, die von den Augen des Zentralkomitees kritisch bewacht werden, humorvoll und dennoch realistisch umzusetzen. Ebenso gelingt es ihr mit spürbarerer Leichtigkeit, aus ihrem gut besetzten Schauspielerensemble großartige Leistungen heraus zu holen. Allen voran brilliert Jörg Schüttauf in einer Doppelrolle als falscher und echter Erich Honecker, der mit Hedi Kriegeskotte eine ebenbürtige Margot Honecker zur Seite gestellt bekommen hat. In Sorge um seine Tochter will er als falscher Honecker getarnt, einen Schießbefehl zurückziehen, was natürlich das ein oder andere „Opfer“ mit sich bringt.

„Vorwärts immer“ ist heitere und intelligente Unterhaltung, nicht zuletzt dank einer großartigen Regiearbeit und einer Top-Besetzung.

 

Ostwind – Aufbruch nach Ora (Deutschland 2017, 110 Minuten)

Regie: Katja von Garnier

„Ostwind – Aufbruch nach Ora“ ist der dritte Teil der hessischen Erfolgsgeschichte unter der Regie von Katja von Garnier. Die Protagonistin Mika bricht mit ihrem Pferd Ostwind nach Andalusien auf und die Regisseurin nimmt den Zuschauer mit bildgewaltigen Landschaftsaufnahmen mit auf diese Reise. Untermalt von harmonischer Musik entstand ein wunderschöner Abenteuerfilm, der nicht nur das junge Publikum begeistert. Katja von Garnier beweist auch hier wieder, dass sie weiß, wie man Pferde zu einem ausdrucksstarken Teil des Darstellerensembles macht, das bis in die Nebenrollen u.a. mit Nicolette Krebitz und Martin Feifel prominent besetzt ist.

Mit „Ostwind – Aufbruch nach Ora“ werden nicht nur Sehnsüchte gestillt, der Film zeigt auch, wie gefährlich ökonomisch zielgerichtete Vorhaben der Natur werden können und welche Macht kulturelle Traditionen haben können, um diese Pläne erfolgreich zu durchqueren.

Nur Gott kann mich richten (Deutschland 2017, 90 Minuten)

Regie: Özgür Yildirim

In „Nur Gott kann mich richten“ kreuzen sich die Wege des Ex-Knackis Ricky, seines jüngeren Bruders Rafael und der Polizistin Diana, die alle drei eigentlich nur ihre Träume verwirklichen wollen. Um ihr Ziel zu erreichen, kommen sie aber an bösen Taten nicht vorbei. Den Schauplatz dieser Begegnungen bildet die Stadt Frankfurt, die von der Kamera atmosphärisch beeindruckend eingefangen wird. Das ist nicht zuletzt auch dem herausragenden Szenenbild zu verdanken. Bemerkenswert ist außerdem, wie es dem Regisseur Özgür Yildirim gelingt, neben einer starken Charakterstudie auch eine realistische Milieustudie abzubilden.

„Nur Gott kann mich richten“ ist ein starker Genrefilm, in dem neben dem perfekt besetzten Ensemble um Moritz Bleibtreu, Edin Hasanovic und Birgit Minichmayr auch Frankfurt eine großartige Hauptrolle übernimmt.

Kategorie Dokumentarfilm

A Gravame – Das Stahlwerk, der Tod und die Mütter von Tamburi (Deutschland 2017, 72 Minuten)

Regie: Peter Rippl

„A Gravame – Das Stahlwerk, der Tod und die Mütter von Tamburi“ ist ein Dokumentarfilm über einen paradiesischen Ort, der bedroht ist von einem gigantischen Umweltskandal. Die Menschen, die dort leben, können seit Jahren nur zwischen Arbeit und Gesundheit wählen, denn das größte Stahlwerk Europas befindet sich vor den Toren ihrer Altstadt.

Der Filmemacher Peter Rippl verzichtet auf reißerische und reportagenhafte Klischees. Er portraitiert die Bewohner Tarantos und ihre sehr unterschiedlichen Haltungen zu dieser Lage präzise und neugierig. Er schaut genau auf die politischen Verwicklungen und hört seinen Protagonisten aufmerksam zu.

Seinen Beobachtungen folgend sehen wir, wie Glaube, Musik und die Liebe zur Heimat, Widerstand aufkeimen und Hoffnung wachsen lässt. Dabei beweist Peter Rippl eine lässige Sicherheit für formale Stilmittel und Rhythmus und schafft es, eine filmische Wucht zu entwickeln, die uns fesselt.

Moritz Daniel Oppenheim (Deutschland 2017, 100 Minuten)

Regie: Isabel Gathof

In einer hessischen Mittelstadt wird eine abstrakte Stahlskulptur und eine bronzene Menschenfigur aufgestellt. Welche Person, welche Idee und welche Geschichte steckt dahinter? Die Filmemacherin Isabel Gathof nimmt uns mit auf eine Reise zu den Machern der Skulpturen und in die Vergangenheit des Malers „Moritz Daniel Oppenheim“.

Parallel zur Entstehung der Skulpturen entblättert sie das Leben des Malers und so gelingt es Isabel Gathof, kreatives Schaffen sinnlich fühlbar zu machen. Ohne belehrend zu werden, lässt sie den Zuschauer erfahren, wie ein außergewöhnlicher Künstler Anfang des 19. Jahrhunderts in Frankfurt, einer kulturellen Hochburg, als Deutscher und Jude in seinen Bildern gesellschaftliche Themen und jüdische Traditionen betrachtet. Und sich, seiner Traditionen bewusst, eine gesellschaftliche Position erarbeitet, während andere Juden in jener Zeit zum christlichen Glauben konvertierten, um vollkommen anerkannt zu werden.

Isabel Gathof liefert damit einen wunderbaren Dokumentarfilm, der dem Publikum einen neuen Einblick in das Entstehen von Werken beschert.

Wunder der Wirklichkeit (Deutschland 2017, 97 Minuten)

Regie: Thomas Frickel

Einen Film über einen toten Freund und Kollegen zu machen, ist nicht einfach. Thomas Frickel hat es dennoch gewagt und Martin Kirchberger und seiner Künstlergruppe „Cinema Concetta“ einen Dokumentarfilm gewidmet.

Zu Beginn zwingt er den Zuschauer teil zu haben an dem Flugzeugunglück, das sich am 22. Dezember 1991 in der Nähe von Heidelberg ereignete, und in dem Martin Kirchberger und fast alle Passagiere ums Leben kamen. Dann reißt der Film ab und es folgt eine Kollage aus Original-Aufnahmen, Zeichnungen und Erinnerungen von Familienmitgliedern und Freunden. Dazwischen hört man immer wieder die Stimme des Filmemachers. Er beschreibt die kreative Starrheit, der sich die damalige Künstlerszene in Rüsselsheim stellen musste, und die provokativen und politisch motivierten Ideen, mit denen man sich dieser geistigen Beengtheit stellte.

Thomas Frickels Dokumentarfilm „Wunder der Wirklichkeit“ geht unter die Haut und ist eine sehr persönliche Widmung an einen unvergessenen Freund und Künstler.

 

Kategorie Fernsehpreis – Beste Schauspielerin

Caroline Peters in „Kalt ist die Angst“ (ARD 2017, Regie: Benno Kürten)

Caroline Peters ist immer noch mehr als ihre Szene, immer noch hintergründiger als ihr Text, immer noch geheimnisvoller als der Plot. Hinter ihrem Spiel lauert etwas; da ist so eine schwindelnde Tiefe. Ihr stets bedächtiges Tempo gibt einer seltenen Intensität Raum. Caroline Peters spielt in „Kalt ist die Angst“ eine psychisch labile Frau, die, verstrickt in eine Intrige, am Ende ihr Schicksal beherzt in die Hände nimmt. Sie beherrscht dabei eine beeindruckende schauspielerische Vielstimmigkeit: Selbst wenn ihre Figur am Boden zu liegen scheint, lässt Peters eine innere Stärke durchscheinen; und umgekehrt verleiht sie ihr in ihren triumphalsten Momenten immer auch etwas Verletzliches.

 

Corinna Harfouch in „Viel zu nah“ (ARD 2017, Regie: Petra K. Wagner)

Caro ist Mutter, Caro ist Polizistin. Diese beiden Leben prallen plötzlich aufeinander, als sie ihren geliebten Sohn eines Gewaltverbrechens verdächtigt. Corinna Harfouchs ist Caro. Sie vereint dabei scheinbar weit entfernte Gegensätze. Die Figur, die sie spielt, ist verwundet, irregeleitet, suchend. Gleichzeitig ist sie Fundament des Films, das, worauf alles lastet. Sie entwickelt selbstbewusst eine atemberaubende Präsenz. Gleichzeitig ordnet sie ihr Spiel demütig der Geschichte unter. Corinna Harfouch lebt förmlich in den Sätzen dieses klugen Drehbuchs. Ihre stärksten Momente hat sie jedoch, wenn sie schweigend innehält. Dann ist sie im besten Sinne bildfüllend. Corinna Harfouch hat

den Mut zur Pause. Und so hypnotisiert sie uns Zuschauer, lässt uns eintauchen in Caros Innenwelt. Wir zweifeln mit ihr, wir triumphieren mit ihr, wir rätseln mit ihr – und am Ende erkennen wir.

Tijan Marei in „Ellas Baby“ (ARD 2017, Regie: David Dietl)

Tijan Marei hat diese ganz besondere Wirkung. Sie scheint von einem frischen Windhauch umgeben.  Eine wache Natürlichkeit geht von ihr aus. Ganz selbstverständlich bewegt sie sich im erfahrenen Ensemble von „Ellas Baby“ und ist sofort das Herz des Films. Ihre Ella, ungewollt schwanger, ist alles gleichzeitig: kindlich und klug, verletzlich und trotzig, total überfordert und doch geerdet. Tijan Marei interpretiert diese Adoleszenz  variantenreich, authentisch und umwerfend lässig. Wo nimmt sie das bloß her? Das ist wohl ihr Geheimnis, aber wir wollen unbedingt mehr davon sehen!

Kategorie Fernsehpreis – Bester Schauspieler

Jens Harzer in „Tatort – Amour fou“ (ARD 2017, Regie: Vanessa Jopp)

Wäre dieser „Tatort“ ein Uhrwerk, Jens Harzer wäre seine Triebfeder. Er hat 90 Minuten Zeit, eine Figur zu entwickeln, und diese Zeit nimmt er sich auch. Er spielt Armin, einen  schwulen Witwer –  traurig, hochintelligent, unnahbar. Jens Harzer schickt uns auf eine Reise. Auf dieser Reise wird unser Bild von diesem Armin ständig verändert. Wir starten mit Ablehnung, dann zweifeln wir, wir rätseln, wir verdächtigen, und am Ende – selten im „Tatort“-Kosmos – sind wir zu Tränen gerührt. Das ist Storytelling! Ein guter „Tatort“ ist immer auch eine Momentaufnahme unserer Gesellschaft. „Amour fou“ ist ein ehrenvolles Plädoyer für Toleranz und gegen Ausgrenzung. Jens Harzers berührendem Spiel ist es aber zu verdanken, dass dieser „Tatort“ mehr ist als ein Lehrstück; Harzer erhebt es zu einer universellen Liebesgeschichte, zu etwas, was über den Zeitgeist hinausragt.

Manfred Zapatka in „Sanft schläft der Tod“ (ARD 2017, Regie: Marco Kreuzpainter)

Das muss man können – eine Nebenfigur zum heimlichen Zentrum eines Films zu machen. Manfred Zapatka gelingt dieses Kunststück in „Sanft schläft der Tod“. Unaufdringlich, aber unaufhaltsam gerät man in seinen Sog. Ist gebannt, wie sich dieser Ex-Stasi-Mann, diese gescheiterte Existenz zum leidenschaftlichen Kämpfer und selbstlosen Retter entwickelt.  Zapatka lässt uns tief in die Vergangenheit seiner Filmfigur schauen. Jeder Blick zeugt  von Schmerz und Sehnsucht. In der brüchigen Stimme schwingen Verbitterung und Resignation. Einen solchen Verlierer zum Helden machen zu können, das ist große Schauspielkunst.

Ernst Stötzner in „Charité“ (ARD 2017, Regie: Sönke Wortmann)

Pathologe, Prähistoriker, Politiker – Rudolph Virchow ist ein äußerst komplexer Charakter, und Ernst Stötzner schraubt sich mit großer Präzision in diese Rolle.  In „Charité“ sind sie alle versammelt, die historischen Schwergewichte und Alphatiere. In diesem Reigen spielt Ernst Stötzner mit kontrollierter  Zurückhaltung. Ihm genügt eine Augenbrauenbewegung, um Irritation und innere Kämpfe auszudrücken, ein kleines Zucken der Mundwinkel, um die enorme Angespanntheit eines Mannes zu offenbaren, der um Selbstbeherrschung ringt. Und dann gibt es diese bewegenden Momente, wenn sich Leidenschaft und Kampfgeist fast explosionsartig Bahn brechen.  – Eine brillante Charakterstudie.

 

 

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