Helena Waldmann – „Der Eindringling – eine Autopsie“

Helena Waldmann – „Der Eindringling – eine Autopsie“ – Deutschland-Tournee im Herbst 2019 – Stuttgart, Jena, Münster, Düsseldorf, Karlsruhe, Aschaffenburg, Nürnberg.

In ihrer neuen Arbeit wirft Tanzregisseurin Helena Waldmann einen intensiven Blick unter die Haut, ins Innere des Körpers, zugleich ins Innere des Systems „Staat“. Was von außen eindringt, gilt medizinisch wie politisch als „Fremdkörper“. Doch in Wahrheit können sich weder ein Körper noch ein Staatsgebiet vollständig von der Außenwelt abkapseln. Mehr noch: Die Medizin weiß, dass nur derjenige Organismus überlebt, der bereit ist, sich zu verändern. Waldmann setzt diese Erkenntnis in ebenso eindringliche wie überraschende Bilder um. Beispielsweise polstern sich ihre Darsteller mit Pratzen, um die auf die Spitze getriebene Protektion zu visualisieren – mit buchstäblich „umwerfender“ und im übrigen auch sehr komischer Wirkung.

Wie immer gelang Helena Waldmann das Kunststück, ein Produktionsensemble zusammenzustellen, das aus Performern mit ganz besonderen Talenten besteht. Das nötige Vorwissen eignete sie sich letzten Winter vor Ort an, bei einer Reise zu Tänzern und Choreographen am Institute for Dance und Performing Arts, West Kowloon Cultural District Authority, Hong Kong. Trotz des exzeptionellen Anforderungsprofils hatte Waldmann Glück und fand in Ichiro Sugae, Tillmann Becker und Mattia Saracino drei Tänzer, die Martial Arts beherrschen. Gemeinsam mit Telmo Brano, der in dem Stück als Vocal Artist zu erleben ist, treten sie den Beweis an, dass sich die Strategien der Kampfkunst und unseres eigenen Körpers verblüffend ähnlich sind: die Kraft des Gegners durch Einverleibung zu neutralisieren.

v.l.: Matthias Saracino/ Tänzer und Ichiro Sugae, Tänzer im Rahmen der Premiere und Uraufführung der Tanztheaterinszenierung „Der Eindringling – eine Autopsie“ von Helena Waldmann auf der kleinen Bühne des Theaters im Pfalzbau in Ludwigshafen am Rhein am Samstag, 08.06.2019

Helena Waldmann
Der Eindringling – eine Autopsie

Theaterhaus Stuttgart am 9. November 2019 / Tanzfestival Theater in Bewegung im Theaterhaus Jena am 12. & 13. November 2019 / Theater im Pumpenhaus Münster am 27. November 2019 / Forum Freies Theater Düsseldorf am 29. & 30. November 2019 / Tollhaus Karlsruhe am 3. Dezember 2019 / Stadttheater Aschaffenburg am 5. Dezember 2019 / Tafelhalle Nürnberg am 7. Dezember 2019

Mit Der Eindringling – eine Autopsie inszeniert Helena Waldmann auf der quasi mikroskopischen Ebene des Körpers eine Makroskopie der Politik. Sie legitimiert sich immer zuerst durch das Konstrukt eines geschlossenen Körpers, eines Volkes, einer Nation, eines Inlands und seiner Produkte. Gegenüber Eindringlingen, Angreifern oder Konkurrenten erzeugt sie eine „solidarische“ Geschlossenheit des eigenen Körpers.
Der Eindringling zeigt, dass Körper ebenso wie politische Konstrukte nur durch Öffnungen (Mund, Nase, Augen, Ohren, Poren etc.) zum Leben und Überleben fähig sind – und dass es weit mehr Erfolg verspricht, am Gegner zu wachsen, statt ihn zu vernichten. Tanz ist der physische Beweis dafür, dass Offenheit, Freiheit und Freizügigkeit der perfiden Logik der Geschlossenheit überlegen sind. Zumal unsere irrational angsterfüllte Gesellschaft auf fast tragikomische Weise demonstriert, dass unser übersteigertes Bedürfnis nach Schutz in Wirklichkeit nur eine Konsequenz hat: Wir werden schutzlos gemacht.
Wie immer vermittelt Helena Waldmann diese Botschaft durch die Choreographie – und wie immer nutzt sie dafür die sehr speziellen Fähigkeiten ihrer Performer. Nach Kathak-Tanz (Made in Bangladesh) und Akrobatik (Gute Pässe Schlechte Pässe) lässt sie sich diesmal von der chinesischen Kampfkunst Kung Fu inspirieren. Hier sind Angriff und Abwehr eins. Die Kraft des jeweiligen Gegners wird durch wendige Schritt- und Schlagtechniken neutralisiert und gegen den Angreifer gewendet.

Performer: Tillmann Becker, Telmo Branco, Mattia Saracino, Ichiro Sugae
Konzept & Tanzregie: Helena Waldmann
Licht: Herbert Cybulska
Musikalische Leitung: jayrope
Musik: Jerry Goldsmith, Jean-Philippe Rameau, Astor Piazzolla, Rashad Becker, jayrope & Niklas Kraft jayrope & Lippstueck, Arne Deforce / Mika Vainio
Video: Anna Saup
Holographische Projektion: Michael Saup
Kostüm: Judith Adam
Mitarbeit Kostüm: Nora Scheve
Training & Beratung Kampfkunst: Aljoscha Tursan
Technische Leitung: Carsten Wank
Tontechnik: Stephan Wöhrmann
Produktionsleitung: Claudia Bauer

Eine Produktion von
Helena Waldmann und ecotopia dance productions
in Koproduktion mit Pfalzbau Bühnen Ludwigshafen, Forum Freies Theater Düsseldorf, Tafelhalle Nürnberg, Tollhaus Karlsruhe
Mit freundlicher Unterstützung von Pumpenhaus Münster
Unterstützt durch das NATIONALE PERFORMANCE NETZ Koproduktionsförderung Tanz
Gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien

Ichiro Sugae, Tänzer im Rahmen der Premiere und Uraufführung der Tanztheaterinszenierung „Der Eindringling – eine Autopsie“ von Helena Waldmann auf der kleinen Bühne des Theaters im Pfalzbau in Ludwigshafen am Rhein am Samstag, 08.06.2019

Über Helena Waldmann

Helena Waldmann ist seit 1989 freischaffende Tanzregisseurin. Sie studierte Angewandte Theaterwissenschaft an der Universität Gießen. Zwischen 1993 und 1999 verdrehte sie Bühnenperspektiven, mauerte die Vierte Wand zu, inszenierte das Theater wie einen Film und feierte mit diesen radikalen Stücken internationale Erfolge. Ihre Choreographien entstehen und touren weltweit. Die Themen reichten von der erschreckend anarchischen Freiheit der Demenz (revolver besorgen) und vom lustvollen Spiel mit Abhängigkeiten (BurkaBondage) bis zum anarchischen Fest gegen die Arbeitsdiktatur der Leistungsgesellschaft (feierabend! – das gegengift). Waldmanns Stücke entstehen in Dhaka, Tokyo, Kabul, aber auch in Teheran, wo sie äußerlich eingeschränkte, dafür um so souveränere Frauen in islamischen Staaten feiert (Letters from Tentland) und die Antworten auf die europäische Asylpolitik durch iranischen Exilantinnen inszeniert (return to sender – Letters from Tentland). Sie arbeitete in Ramallah mit Menschen, die tanzen müssen, um unter den Umständen der Blockade nicht verrückt zu werden (emotional rescue) und in Salvador de Bahia, wo sie für ihre von Fremdbestimmung gefangenen Wesen (Headhunters) den Theaterpreis der UNESCO erhielt. Zu Waldmanns bislang größten Erfolgen zählt Made in Bangladesh, mit dem sie die harten Lebenswelten der Näherinnen in Südasien auf die Bühne brachte und kühne Parallelen zum Tänzerprekariat in der westlichen Welt zog. Sie erzeugte damit nicht nur ein gewaltiges Echo beim Publikum und in den internationalen Feuilletons, sondern wurde auch für den Deutschen Theaterpreis DER FAUST 2015 nominiert.

Wenn man ihre überaus vielfältige Arbeit überhaupt auf einen Nenner bringen kann, dann auf diesen: die Überwindung von Grenzen. Auch Waldmanns letzte Produktion Gute Pässe Schlechte Pässe von 2017 kreiste um dieses Lebensthema, aufs Anschaulichste verkörpert von einem Ensemble aus Akrobaten und zeitgenössischen Tänzern. Momentan arbeitet Waldmann am nächsten Level: Schließlich verlagert die bevorstehende Uraufführung Der Eindringling – eine Autopsie die Dialektik von Abgrenzung und Öffnung ins tiefste Innere – den Organismus selbst.

Im Wintersemester 2018/19 war Helena Waldmann Bertolt-Brecht-Gastprofessorin der Stadt Leipzig am Centre of Competence for Theatre der Universität Leipzig.

Ichiro Sugae, Tänzer im Rahmen der Premiere und Uraufführung der Tanztheaterinszenierung „Der Eindringling – eine Autopsie“ von Helena Waldmann, Theater im Pfalzbau in Ludwigshafen am Rhein am Samstag, 08.06.2019
Tillmann Becker/ Tänzer im Rahmen der Premiere und Uraufführung der Tanztheaterinszenierung „Der Eindringling – eine Autopsie“ von Helena Waldmann, Theater im Pfalzbau in Ludwigshafen am Rhein am Samstag, 08.06.2019

 

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