Gauthier Dance / Dance Company Theaterhaus Stuttgart

Das vor Tagen zu Ende gegangene COLOURS International Dance Festival wirkt nach und fort – auch in die nächste Saison hinein. Schließlich konnten die vier Festival-Vorstellungen der umjubelten Eröffnungspremiere Classy Classics die Nachfrage nach Karten bei weitem nicht abdecken. Und so wird das zeitgenössische Power-Programm, das augenzwinkernd Stücke der Meisterchoreographen William Forsythe, Ohad Naharin und Marco Goecke mit Lieblingsstücken von Eric Gauthier und Cayetano Soto kombiniert, ab Herbst nicht nur im Theaterhaus gezeigt, sondern auch auswärts auf Tour.

In den ersten Wochen nach der, speziell nach COLOURS, äußerst verdienten Sommerpause macht sich die Company ab 12. September fit für die Spielzeit 2019/20. Auf ihren Start bei Gauthier Dance freuen sich Luca Pannacci (zuvor Staatsballett Hannover), Mark Sampson und Izabela Szylinska (beide zuvor BJM – Les Ballets Jazz de Montréal) sowie unser neuer Ballettmeister Luis Sayago. Herzlich willkommen! Ab Oktober ist die Theaterhaus-Company wieder auf der Bühne zu erleben, zunächst im Theaterhaus Stuttgart und am 30. und 31. Oktober im Tollhaus Karlsruhe.

Classy Classics 
mit William Forsythe, Herman Schmerman Duet / Eric Gauthier, Orchestra of Wolves / Marco Goecke, Äffi / Ohad Naharin, DECADANCE / Cayetano Soto,Malasangre

Künstlerische Leitung / Choreograph: Eric Gauthier
Ballettmeister: Louisa Rachedi, Luis Sayago
Company Coach: Egon Madsen
Künstlerische Koordination Bühne und Kostüme: Gudrun Schretzmeier
Produktionsleitung: Alexandra Brenk
Künstlerisches Betriebsbüro: Lisa Beck
Tanz: Douglas de Almeida, Bruna Andrade, Louiza Avraam, Nora Brown, Anneleen Dedroog, Réginald Lefebvre, Nicholas Losada, Joana Martins, Alessio Marchini, Barbara Melo Freire, Luca Pannacci, Garazi Perez Oloriz, Mark Sampson, Jonathan dos Santos, Robert Stephen, Izabela Szylinska, Sidney Elizabeth Turtschi, Theophilus Veselý

Wer angesichts des augenzwinkernden Stücktitels an einen opulenten Ballettabend denkt, liegt allerdings falsch. Ergänzt durch zwei länger nicht gezeigte Lieblingsstücke aus dem Gauthier Dance-Repertoire, feiert Classy Classics Meisterstücke des zeitgenössischen Tanzes.

Szenenfotos Regina Brocke

Wer Ballettmoderne sagt, kommt an William Forsythe nicht vorbei: Sein beeindruckendes Œuvre verleiht dem zeitgenössischen Tanz seit mehreren Jahrzehnten Eleganz und klare Linie. Das Herman Schmerman Duet ist dennoch der beste Beweis dafür, wie viel Leichtigkeit und Humor in Forsythes souveränen, fast mathematisch strukturierten Arbeiten steckt. Eine Tänzerin auf Spitzenschuhen und ihr männlicher Partner scheinen anfangs alle Erwartungen an einen neoklassischen Pas de deux zu erfüllen. Doch Forsythe braucht nur wenige Minuten, um die bekannten Muster ironisch zu durchbrechen und die Geschichte einer sehr heutigen Beziehung zu erzählen. Spöttisch, lässig – und unglaublich virtuos. Konzipiert für die große Sylvie Guillem, ist das Herman Schmerman Duet mittlerweile kaum noch auf den Tanzbühnen weltweit zu sehen. Dass Forsythe grünes Licht für Gauthier Dance gab, darf die Company zu Recht als Ritterschlag betrachten …

Nach mehreren, für beide Seiten bereichernden Kollaborationen ist Marco Goecke Gauthier Dance seit Januar 2019 als Artist-in-Residence verbunden. Klar, dass der weltweit gefragte Choreograph bei den Classy Classics nicht fehlen darf. Vertreten ist er mit der Produktion, die seinen Durchbruch markierte und seine unverwechselbar vibrierende Handschrift einem breiten Publikum bekannt machte. Im Gefüge des Abends vertritt Äffi nicht nur die Solo-Position. Es ist auch eine ausgesprochen selbstbewusste Wahl. Schließlich verlangt das atemlose Stück zu Musik von Johnny Cash seinem Performer tänzerische Höchstleistungen ab, technisch wie emotional.

DECADANCE wiederum ist die ultimative Wundertüte. Kein Stück, sondern ein sich ständig veränderndes work-in-progress. Wie bei einem Kaleidoskop stellt Ohad Naharin für jede Stadt, für jede Company eine neue Version zusammen, allesamt Auszüge aus seinen bisherigen Arbeiten. Und das sind eine ganze Menge seit der Urfassung aus dem Jahr 2000. Nun gibt es DECADANCE auch für Stuttgart! Ein Zeichen der Verbundenheit, das kein Zufall ist. Denn der Hauschoreograph der Batsheva Dance Company und weltberühmte Schöpfer der Gaga-Methode konnte sich nun das dritte Mal direkt vor Ort von der tänzerischen Qualität überzeugen, mit der Gauthier Dance seine Werke interpretiert. Nach Kamuyot und Minus 16 bei den beiden ersten Festival-Ausgaben 2015 und 2017 setzte DECADANCE die Ohad Naharin-Tradition von COLOURS fort.

Volle Attacke: Malasangre pustet sein Publikum durch wie ein Wirbelsturm. In kurze Röcke gekleidet, die Hände zu Krallen geformt, fegen die Tänzerinnen und Tänzer nur so über die mit schwarzen Stoffschmetterlingen bedeckte Bühne. Cayetano Sotos tief empfundene Hommage an die kubanische Sängerin La Lupe zeigt die Dunkelheit einer gequälten Seele – und schafft es, diese Zerrissenheit zur Quelle der größtmöglichen Energie zu machen. In Kombination mit der strahlenden Musik der Queen of Latin Soul wird daraus eine exzentrische, fiebrige Revue, die es ihrem Publikum buchstäblich schwer macht, sitzen zu bleiben. Uraufgeführt als Teil des Ballettabends Future 6 von 2013, war es höchste Zeit für eine Wiederbegegnung.

Noch weiter zurück lag die Uraufführung der vom Publikum heiß geliebten Miniaturkomödie Orchestra of Wolves aus dem Jahr 2009. Heute unvorstellbar:Eric Gauthier kreierte den humorvollen Showdown zwischen einem Dirigenten und seinem Orchester für sein damals nur achtköpfiges (!) Ensemble. Zu den pochenden Klängen aus dem bekannten ersten Satz aus Beethovens 5. „Schicksalssinfonie“ ziehen die Musiker in Wolfsmasken immer engere Kreise um ihren Chef…

Donnerstag, 24. Oktober 2019 / Freitag, 25. Oktober 2019 / Samstag, 26. Oktober 2019 – jeweils um 20:00 Uhr / Sonntag, 27. Oktober 2019 um 19:00 Uhr
Theaterhaus T1

Szenenfotos Regina Brocke

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