Kunst und Kultur

Bacon von Nanine Linning

Er malte die Abgründe der menschlichen Seele: der britische Maler Francis Bacon. Die Beziehungen zugrunde liegenden Mechanismen von Begehren, Dominanz und Ausgrenzung stellte er auf eine schonungslos ehrliche Weise dar, die von schmerzhafter Schönheit zeugt.

Nanine Linning ergründet mit ihrem Stück die Gefühlswelten der Bilder Bacons und entdeckt in der Kompromisslosigkeit der Darstellung auch eine Analogie zur eigenen Kunst: »Mich interessiert das Tierische, das Instinkthafte. Ich fordere meine Tänzer auf, ihre eigenen Grenzen zu überschreiten.« Mit exzessiver Körperlichkeit erforscht die Choreografie fundamentale Verhaltensmuster, die mit ihrer Archaik und Unbarmherzigkeit die Grenzen zwischen menschlichem und animalischem Gebaren verschwimmen lassen. Aus beinahe beunruhigender Nähe wird der Zuschauer Zeuge des Kampfes des Einzelnen um Zugehörigkeit − ein Solo gleich einem Schrei aus der Isolation. Physisch erfahrbar wird das Ringen um Überlegenheit in Duetten von ergreifender Intensität und einem Trio, dessen untrennbare Verbundenheit keinerlei Harmonie zulässt.
Der Darstellung fundamentaler Verhaltensweisen steht in Bacons Kunst das Geheimnis um das gegenüber, was das Bild nicht zeigt, allenfalls andeutet – die verborgene Seite des Portraits, der Raum hinter dem Bild. Auch Linnings Szenerie spielt mit diesen Dunkelstellen, wie auch mit den charakteristischen geometrischen Strukturen in Bacons Gemälden, die die Figuren zu umgrenzen scheinen.
Zutiefst faszinierend und erschütternd zugleich kehrt das unter anderem mit dem »Swan« für die beste niederländische Choreografie ausgezeichnete Stück zwölf Jahre nach seiner Entstehung in einer aktuellen choreografischen Bearbeitung und mit neuem Video- und Lichtdesign auf die Bühne zurück.

 

DEUX HOMMES TOUT NUS de Sébastien Thiéry

Description: Alain Kramer, avocat sérieux et mari fidèle, se réveille nu chez lui avec un de ses collègues de bureau… L’incompréhension est totale, et aucun des deux hommes n’arrive à expliquer comment ils ont pu se retrouver dans cette situation! Quand la femme de l’avocat découvre les deux hommes dénudés dans son salon, Kramer invente n’importe quoi pour sauver son couple. Il est prêt à tout pour rétablir une vérité qui lui échappe.

Où se trouve la vérité ? Dans le salon de kramer, ou dans son inconscient ?
Quand on fouille au fond de soi, sait-on jamais ce qu’on va trouver ?

Alain Kramer ist erfolgreicher Anwalt, Vater von zwei erwachsenen Kindern und glücklich verheiratet. Eigentlich alles perfekt, bis er eines Tages an der Seite seines Arbeitskollegen Nicolas Prioux aufwacht, und zwar splitternackt. Zu Tode erschrocken bedroht er den vermeintlichen und ebenfalls nackten Eindringling mit einem Gewehr, doch auch Prioux kann sich nicht erklären, wie er in Kramers Wohnung gekommen ist. Gemeinsam gehen sie auf Spurensuche, doch alles was sie finden, deutet nur einmal mehr auf das Unvermeidliche hin – sie müssen Sex miteinander gehabt haben. Als dann plötzlich Kramers Frau Catherine nach Hause kommt und die beiden beim scheinbaren Schäferstündchen erwischt, ist die Verwirrung perfekt und es wird mehr als heikel für die beiden Herren. Catherine glaubt, ihren Mann als Betrüger und verklemmten Homosexuellen entlarvt zu haben, und ihr über Jahre angestauter Frust über die Ehe-Routine entlädt sich mit einem Schlag. Kramer lässt nichts unversucht, um die ehemals heile Welt wiederherzustellen. Doch wo und wie lässt sich die Wahrheit finden – in seinem Bett, in seinem Unterbewusstsein oder vielleicht bei der oder dem geheimnisvollen Dominik?

Komödie von Sébastien Thiery
mit Andreas Elsholz, Alexander Sholti,
Suzan Anbeh und Ramona Schmid
Regie: Thomas Rohmer

http://www.theatergastspiele-fuerth.de/zwei-mnner-ganz-nackt

Tür zu

Wasser, Zahnbürsten und Klopapierrollen, mehr braucht man nicht, um Spaß zu haben. Von den alltäglichen Situationen im Badezimmer brechen Publikum und Spielerinnen zu fantastischen Abenteuern auf, wenn Bademäntel, Toiletten und Duschköpfen lebendig werden.

In der letzten Inszenierung des JNT unter der Intendanz von Andrea Gronemeyer begibt sich das Ensemble mit Ariel Doron, Objekttheatermacher und –spieler aus Tel Aviv, an den besonderen Ort Badezimmer. Gemeinsam mit den Spielerinnen Simone Oswald und Helene Schmitt entwickelt er ein überraschendes Spiel mit der äußerst lebendigen Badezimmerausstattung. Die anarchische Kraft der spielerischen Kreativität setzt treibende Impulse zwischen die Spielerinnen und ihre Objekte. In „Tür zu“ träumen alle die wildesten Träume.
In dieser interdisziplinären Inszenierung arbeite der internationale Künstler des zeitgenössischen Objekttheaters mit den erfahrenen Spielerinnen für junges Publikum.

Die Inszenierung wird gefördert vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst des Landes Baden-Württemberg, Projektförderung von Kinder- und Jugendtheater.
Probenfoto Simone Oswald, Helene Schmitt
Copyright: Hans Jörg Michel

Gesicht der Nacht

In Gesicht der Nacht entführen zwei Choreografien auf ganz unterschiedliche Weise in das Reich getanzter Bilderwelten: Der Isländer Frank Fannar Pedersen, von der Zeitschrift tanz als »Hoffnungsträger des Tanzes 2015« ausgezeichnet, spürt in seiner Uraufführung var dem Phänomen der Zeit nach, vor allem der Relation von Vergangenheit und Gegenwart, und zeigt, wie die Reise durchs Leben dem Einzelnen als Bilder der Erinnerung in Kopf und Herz bleiben. Zur Musik seiner beiden Landsmänner Jóhann Jóhannsson und Sigur Rós verleiht Pedersen dieser Thematik in stimmungsvollen und gleichzeitig nachdenklichen Bildern körperlichen Ausdruck.

Stephan Thoss’ Nightbook hingegen ist von den rätselhaften Bildern des belgischen Malers René Magritte inspiriert und kreist um die Themen Inspiration, Kreativität und künstlerisches Schaffen. Wie sehr sich Thoss von dieser Thematik packen ließ, zeigt, dass er seine 2010 am Hessischen Staatstheater Wiesbaden uraufgeführte Choreografie für das Mannheimer Ensemble und Publikum überarbeitet und um einen neu kreierten, zwanzigminutigen Teil erweitert hat. Das Stück handelt von einer Schriftstellerin, die unzählige Figuren und Geschichten erfunden hat. In der Nacht erwacht dieses Archiv der fragmentarischen Kurzgeschichten zum Leben, erst in Form filmischer Bilder auf einer Leinwand und dann getanzt im dreidimensionalen Raum. In surrealen Situationen spielt die Choreografie mit der Grenze zwischen Fantasie und Wirklichkeit und lässt das Kino der Träume lebendig werden.

19. Internationale Schillertage

Die schöne Freiheit … will ich verpflanzen in mein Vaterland, heißt es in Friedrich Schillers Drama
Demetrius. Für den Aufklärer Schiller bedeutet Freiheit, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen und die eigenen Fragen als Auftrag zu verstehen, selbst nach Antworten zu suchen, statt Vorgefertigtes nachzuplappern. Die Forderung von Populisten und Extremisten nach einfachen Lösungen ist ein Ausdruck der tiefen Erosion des Freiheitsbegriffs. Freiheit wird nicht mehr als etwas Positives verstanden, sondern als permanente Zumutung, in einer unübersichtlichen Lage die eigene Haut retten zu müssen.
Die Antwort des Theaters kann nur sein: komplexe Geschichten zu erzählen und Menschen in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit darzustellen, so wie es Friedrich Schiller in seinen großen, klassischen Dramen Maria Stuart, Wilhelm Tell und Die Räuber gelungen ist. Freiheit im Sinne Schillers als positive Herausforderung zu begreifen und nicht als Bürde oder als Bedrohung, damit beschäftigen sich die 19. Internationalen Schillertage in zahlreichen Gastspielen renommierter Theater aus dem In- und Ausland und Eigenproduktionen des kroatischen Regisseurs Oliver Frljić und und des dänischen Performancekollektivs SIGNA.