Ausstellung „Lorenza Böttner. Requiem für die Norm“

Vom 23. Februar bis 5. Mai 2019 zeigt der Württembergische Kunstverein die erste umfassende Einzelausstellung der Künstler*in Lorenza Böttner (geb. 1959 in Punta Arenas, Chile, gest. 1994 in München) in Deutschland. Die von dem Philosophen, Kurator und Transgenderaktivisten Paul B. Preciado kuratierte Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit La Virreina Centre de la Imatge in Barcelona, wo der erste Teil dieser internationalen Retrospektive zu sehen war. In Stuttgart wird sie in erweiterter Form mit vielen zusätzlichen Arbeiten gezeigt.


Lorenza Böttner, die mit Füßen und Mund arbeitete, verwendete Fotografie, Zeichnung, Tanz, Installation und Performance als ästhetische Ausdrucksmittel. In ihren Werken widersetzt sie sich den Prozessen der Entsubjektivierung und Entsexualisierung, dem Wegsperren und Unsichtbarmachen von funktional andersartigen und Transgenderkörpern.
Sie wurde 1959 als Ernst Lorenz Böttner in eine deutsche, nach Chile emigrierte Familie geboren. Mit acht Jahren erlitt er einen schweren Unfall, durch den er beide Arme verlor. Seine Schulzeit und Jugend verbrachte er in Deutschland, wo er nach dem Unfall mit seiner Mutter hingezogen war. Dort wurde er zusammen mit den sogenannten Contergan-Kindern, deren Gliedmaßen sich durch die Nebenwirkungen des Wirkstoffs Thalidomid während der Schwangerschaft verändert ausgebildet hatten, in diversen Reha-Zentren untergebracht und als „behindert“ behandelt. Er lehnte es schließlich ab, Prothesen zu tragen, sich weiteren medizinischen Prozeduren zu unterziehen und den gesellschaftlichen Erwartungen an „Behinderten“ zu entsprechen.

Kunststudium 1978 begann er sein Studium an der Gesamthochschule (heute Kunsthochschule) Kassel und änderte während der Studienzeit seinen Namen in Lorenza Böttner. 1984 schloss sie ihr Studium unter anderem mit einer schriftlichen Arbeit ab, die den Titel Behindert?! trägt. Lorenza Böttner kritisiert darin Traditionen der Repräsentation des nicht-konformen Körpers (z.B. in Form des „Freaks“) und plädiert für eine künstlerische Praxis, in der ein Körper ohne Arme als sozialer und künstlerischer Akteur anerkannt wird.

credits_Lorenza Böttner. Requiem für die Norm

Künstlerische Praxis Im Verlauf ihrer künstlerischen Praxis erweiterte Lorenza Böttner ihr zeichnerisches und malerisches Werk durch die Einbeziehung von Tanz, Performance, Streetart, Fotografie und Modedesign. Im Zentrum stand dabei die beständige Transformation, die von einem offensiven und dissidenten Umgang mit Körper und Geschlecht geprägt ist. Eines der ersten großen Werke war ein überdimensionales Selbstporträt, das sich aus Fußabdrücken zusammensetzt. Ein weiterer Schwerpunkt ihres rund sechzehnjährigen künstlerischen Schaffens bildet das fotografische Selbstporträt, das sich durch eine konstant variierende Selbst-Fiktion auszeichnet. Auch die Fotografien sind eng mit den malerischen, zeichnerischen und performativen Prozessen verwoben. So wie sie die Straße in einen neuen malerischen und performativen Raum verwandelt hatte, verwandelte sie auch ihre Haut in eine Leinwand, die es ihr ermöglichte, die auferlegte Norm und Identität umzuformulieren. Indem die Künstler*in das Gesicht in eine Schreibfläche verwandelte, machte sie es als Ort von Identität – von Geschlecht, Rasse, Mensch – untauglich und erklärte es zur sozial konstruierten Maske.

Gegen Ende des Jahrzehnts und nach ihrer Zeit in New York zog Lorenza Böttner nach Barcelona, wo sie Anschluss an die lokale Kunstszene fand. 1992 wurde sie zur lebenden Verkörperung von Petra, dem Maskottchen der paralympischen Spiele in Barcelona, das Javier Mariscal entworfen hatte. Nach zahlreichen Reisen durch Europa und Nordamerika, während derer sie an ihrer Kunst weiterarbeitete, starb Lorenza Böttner 1994 an den Folgen einer AIDS-Erkrankung in München.
Über die Ausstellung Eine kleine Auswahl Lorenza Böttners Arbeiten war 2017 auf der documenta 14 in Kassel zu sehen. Für die Ausstellung Requiem für die Norm in Barcelona und Stuttgart wurde ein Großteil der jahrzehntelang eingelagerten Werke erstmals umfassend gesichtet und katalogisiert. In Stuttgart handelt es sich um die bislang umfangreichste Präsentation ihrer Werke. Neben Zeichnungen, Pastellen und Ölmalereien umfasst sie eine Reihe von Videos, die ihre Performances dokumentieren. Zugleich werden Materialien zu ihrem Leben sowie zu ihren Studien über Freakshows und einige historisch bedeutsame Künstler*innen mit physisch diversen Körpern wie Frida Kahlo, Thomas Schweitzer, Louis Steinkogler, Django Reinhardts oder Aimée Rapin aus dem privaten Archiv präsentiert.
Die Ausstellung zeugt von Lorenza Böttners rigorosem und bedingungslosem Eintreten für die Sichtbarkeit von nicht normativen Körpern. Zugleich ist sie eine Reise in die ebenso bemerkenswerte wie einzigartige Welt einer Künstler*in, deren Bestimmung es zu sein scheint, zu einer Klassiker*in des 20. Jahrhunderts zu avancieren: als unverzichtbarer Beitrag zur Kritik an der Normalisierung des Körpers und des sozialen Geschlechts.

AUSSTELLUNGSANSICHTEN

WERKE DER AUSSTELLUNG

Württembergischer Kunstverein Stuttgart
Schlossplatz 2
D-70173 Stuttgart
T: +49 (0) 711- 22 33 7 – 13
F: +49 (0) 711- 29 36 17

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